Dass Samuel Koch kein gewöhnlicher Gesprächspartner ist, überrascht nicht. In Deutschland gibt es wohl kaum eine Person, die den ehemaligen Leistungsturner nicht kennt. Das liegt natürlich zum einen an seinem dramatischen Unfall in der Fernsehshow „Wetten Dass“ vor mittlerweile 15 Jahren sowie an der Tatsache, dass Samuel eindringlich ist. Wie eindringlich, das wurde beim „VORBILD DANKE!“-Abend der Württembergischen Sportjugend Mitte Mai im SpOrt Stuttgart deutlich. Dort gestaltete seine Gruppe „Samuel Koch and Friends“ den Abend mit Musik, Anekdoten und Geschichten aus seinem Leben.
Der 37-Jährige ist Entertainer, Philosoph und vieles mehr. Doch seinen Anfang nimmt alles mit seiner Liebe zum Turnsport. Die Frage, ob er Saltos konnte, ist für den ehemaligen Leistungsturner völlig deplatziert.
Steht der Salto für viele für DAS Element schlechthin, ist es für den ehemaligen Turner nur eines von ganz vielen. Ihn zieht schon in Kindesbeinen das an, was gefährlich scheint, was schwierig ist und mehr Training erfordert. Hunderte Male versuchen, bis es endlich klappt. Diese Verbissenheit zeichnet ihn heute noch immer aus. „Die härtesten Herausforderungen sind schlussendlich die besten“, sagt Koch. Diese schwierigen Dinge rufen die größten Erleichterungen hervor.
Zur Belohnung gibt’s Pizza
Diese Verbissenheit beobachtet er inzwischen auch bei seinem siebenjährigen Neffen. Der trainiert bei seinem ersten Kunstturntrainer und lernt dieselben Elemente. Auch sein Neffe trainiert an bestimmten Elementen gefühlte Tausend Male. Irgendwann schafft er dann beispielsweise die Schwebekippe. Zur Belohnung geht‘s Pizza essen.
Als kleiner Junge kommt Samuel in ein französisches Leitungszentrum und turnt dort in der Regel fünf Mal die Woche - in der Hochzeit bis zu zwölf Mal. Irgendwann steht er vor der Wahl: Bleiben oder ins Kunst-Turn-Forum (KTF) nach Stuttgart wechseln? „Ich habe mich für bleiben entschieden“, berichtet Koch, der sich gegen den noch höheren Trainingsaufwand entscheidet. Dennoch trainiert er immer mal wieder im KTF, das ihm dadurch bestens vertraut wird. 2019 kehrt er nach Stuttgart zurück und wird Botschafter der Kinderturnoffensive im Rahmen der Turn-WM.
Durch seine turnerische Vergangenheit hat er schon früh mit dem STB und dem Badischen Turner-Bund (BTB) zu tun. Obendrein schließt er mit der Zeit auch seine Trainerlizenz im Turnen an der Landessportschule in Ruit ab.
Besonders in Erinnerungen geblieben sind dem 37-Jährigen aber die „glorreichen“ Turnfeste. „Dort sind wir immer alle zusammengekommen, haben Sportsgeist gespürt und gelebt“, erzählt Koch. Und auch wenn er dort auf seine vermeintlichen Gegner getroffen ist, waren sie „im Kern füreinander“. Denn jeder wusste, wie viel „Schweiß und Blut“ im Training geflossen ist. „Du hast mit deinen Gegnern gezittert und dich gefreut, wenn sie ihre Übungen geschafft haben – auch im Rahmen von Deutschen Meisterschaften bei Turnfesten“, berichtet der 37-Jährige über seine prägenden Erlebnisse.
15 Punkte ist das Ziel
Samuel ist ein Sportler, der gerne in seinen Gedanken kramt und nach dem tieferen Sinn sucht – egal in welchem Themenfeld und Lebenssituation. Er gibt sich nicht einfach mit etwas zufrieden. Früher nicht, heute nicht.
Seit er klein ist, zählt Sport für ihn über alles. „Ich wollte im Sportabi überall 15 Punkte erzielen – egal in welcher Sportart“, sagt der 37-Jährige heute. Bis auf die aeroben Sportarten, wo Ausdauer gefragt ist, liegt dem früheren Kunstturner vieles. Und selbst bei den Ausdauersportarten quält er sich zu Bestleistungen. „Wenn ich früher schwimmen musste, habe ich alles gegeben und musste am Ende beim Verlassen des Beckens fast kotzen“, erinnert sich Koch.
Seine große Liebe gilt jedoch dem Turnen. „Alle Elemente, die mit Fliegen“ zu tun haben, machen ihm besonders Spaß. Wenig verwunderlich, dass er selbst das Turnen als die „wichtigste Grundschule für den Körper“ bezeichnet. Dort werden Athletik und Funktionalität im Körper aufgebaut. Der Mensch lernt, seinen Körper vom Kopf und der Kopfhaltung bis zur Zehenspitze zu kontrollieren. Agonist versus Antagonist, der Muskel und sein Gegenmuskel. Die volle Kontrolle über seine Extremitäten.
Fliegen macht am meisten Spaß
Diese Kontrolle im (Leistungs-)Turnen ist auch wichtig, um so schwierige Elemente zu turnen, wie Samuel sie liebt. Selbst am weniger attraktiven Pauschenpferd. „Es war toll, als ich endlich Kreisflanken turnen konnte“, erinnert er sich. Aber sonst bereitet ihm das Gerät nicht so viel Spaß, da dort im Gegensatz zu den anderen Geräten kaum Flugphasen vorhanden sind. Mehr Freude geben ihm Riesenfelgen am Reck und der Doppelsalto zum Abgang.
Seine Lieblingselemente turnt er am Boden. Dabei reichen ihm jedoch nicht normale Saltos oder Überschläge. Samuel kombiniert sie gerne zum Abrollen. Er landet also nicht auf den Füßen, sondern rollt sich über den Oberkörper beziehungsweise Kopf ab. Also maximale Schwierigkeit und maximale Gefahr. Einige Turner weltweit trauen sich diese Elemente und turnen sie. Auf Koch wirken genau diese Athleten magisch. Doch aufgrund zahlreicher, schwerwiegender Verletzungen wird das Element verboten – zu Kochs Enttäuschung.
Und obwohl er heute im Rollstuhl sitzt und querschnittsgelähmt ist, schwelgt er noch gerne in sportlichen Erinnerungen und zieht Kraft aus seinen Erlebnissen. Genau diese Kraft erlaubt es ihm in der Gegenwart, so tatkräftig und positiv aufzutreten. Als Schauspieler, Redner, Autor und Unterhalter.
Koch betrachtet Turnen als künstlerisches Handwerk. „Vergesst mir nicht die Kunst dahinter“, haben seine Trainer gerne gepredigt. Bei all der Arbeit, die in der Turnhalle verrichtet wird, gehe es im Turnsport darum, mit Ästhetik Schweres ganz einfach aussehen zu lassen. Dinge hundert Mal zu probieren, bis es endlich klappt. Wie bei Kochs Neffe und seiner Schwebekippe.
Turnsport im Ausland attraktiver
So schön Turnen dann auch ist, so kritisch sieht Koch den Turnsport in Deutschland. Zu seiner aktiven Zeit hat er viel lieber in Frankreich in der Liga geturnt als in Deutschland. Der Grund? Die Wettkämpfe waren viel „publikums-tauglicher“. Heißt: Schneller, weniger Einturnzeit und kürzere Wettkämpfe. Der Unterhaltungswert liege deutlich höher als in Deutschland, sagt er. Dazu tragen auch die Moderatoren bei, die den Sport und die Elemente sehr nahbar dem Publikum erklären können. „Sowohl in Frankreich als auch in Amerika funktioniert das deutlich besser“, findet Koch.
Wie das zu ändern ist? „Indem wir mit Traditionen im Turnsport brechen“, glaubt der 37-Jährige und hofft, in Zukunft diese Veränderung mitzuerleben. Es wäre ein weiterer Schritt, seine geliebte Sportart den Athleten selbst sowie den Zuschauenden in seiner Schönheit zu präsentieren.

