Auf dem Trampolin hat Gordana Marsic Saltos geschafft, ohne den federnden Untergrund allerdings nicht. „Da hatte ich immer zu viel Angst davor“, erinnert sich das Vorstandsmitglied der AOK Baden-Württemberg, einem der stärksten Ankerpartner des Schwäbischen Turnerbunds (STB). Ihrer Faszination für den Turnsport hat das aber nicht geschadet. Die 43-Jährige ist immer ganz beeindruckt von Saltos, Flickflacks und anderen Flugelementen. Nicht nur im Spitzensport.
Ihre Begeisterung für Bewegung teilt bei weitem nicht jeder. In der Breite ist der Bewegungstrend nämlich alarmierend: So zeigen etwa regelmäßige Ergebnisse des Fitnessbarometers der Kinderturnstiftung Baden-Württemberg jedes Jahr, wie groß der Bewegungsmangel bei unseren Jüngsten inzwischen ist. Die Drop Out-Quote bei Jugendlichen verstärkt diese Trends. Und je länger wir aus dem Sport draußen sind, desto schwerer wird es, wieder einzusteigen.
Das Thema Gesundheit ist irgendwo zu „unsexy“, glaubt die 43-Jährige. Denn Gesundheit und ausreichend Bewegung hängen mit der eigenen Person zusammen. Niemand anderes kann für uns ein Training absolvieren. Erst wenn wir uns selbst vergegenwärtigen, dass wir für unsere Gesundheit selbstverantwortlich sind, können wir etwas verändern, erklärt das Vorstandsmitglied. Und dieser Prozess dauert eben.
Auch Marsic hatte in jüngeren Jahren einen anderen Blickwinkel auf Bewegung und Ernährung: „Früher war mir gar nicht so bewusst, was es bedeutet, sich gesund zu bewegen.“ Das hat sich mittlerweile komplett geändert. Die zweifache Mutter und gebürtige Stuttgarterin ist für viele Kolleginnen und Kollegen der Inbegriff eines gesunden Lebensstils. Das stört sie auch gar nicht, im Gegenteil: Sie freut sich über das ungewollte Prädikat. Völlig aus der Luft gegriffen ist diese Assoziation natürlich nicht: Sie ernährt sich bewusst, versucht ausreichend Bewegung einzubauen. Doch nicht jeder ist wie Marsic.
Gesundheitskompetenz benötigt
Einen Ansatz mehr Bewegung und Gesundheit in die Bevölkerung zu integrieren, sieht das Vorstandsmitglied im Begriff der Gesundheitskompetenz. Einer ihrer wichtigsten Themen. Sie brennt dafür, das wird in jeder Sekunde spürbar. Ihr Ansatz: Menschen sollen lernen, was Gesundheit bedeutet, was sie dafür tun können und welche positiven Wirkungen sich daraus ergeben. Diese Kompetenz müsse so früh wie möglich im Leben vermittelt werden.
„Ich finde es immer erschreckend, wenn ich ältere Menschen sehe, die praktisch keinen Sport mehr machen können“, berichtet Marsic. Sie könne sich nicht vorstellen, später einmal nicht in der Lage zu sein, eine Zwei Kilogramm Hantel über sich zu heben. Diesen Moment möchte sie nicht erleben, weshalb sie jede Gelegenheit im Alltag nutzt, sportlich aktiv zu sein.
Zwar fährt sie mit dem Auto ins Geschäft, jedoch legt sie die insgesamt acht Stockwerke am Zielort bis in ihr Büro zu Fuß hin. Anfangs musste sie noch eine kleine Verschnaufpause einlegen, mittlerweile schafft sie die Strecke am Stück.
Diesen intrinsischen Antrieb möchte Gordana Marsic auf die Gesellschaft übertragen. Damit Leute so Sport treiben, wie es ihre Kinder und andere Kinder auch machen: mit purer Freude.
Ihr Appell: „Wir müssen Menschen mit Themen der Gesundheit fast schon nerven.“ Aber im positiven Sinne. Sie verweist auf ein Alltagsbeispiel: Wenn ihre Kinder ungesunde Dinge konsumieren und gleichzeitig Spitzensportlern nacheifern wollen, macht Marsic ihnen klar, dass diese nicht durch ungesunde Ernährung zu diesen Spitzenathleten geworden sind. Stichwort bewusste Kommunikation.
Strukturen sind vorhanden
Gordana Marsic fordert eine bessere Kommunikation für Gesundheitsthemen und Social Media gekonnter einzusetzen, um ungesunden Hypes mit bewusster Bewegung und Ernährung die Stirn zu bieten. Gerade durch vertrauensvolle Akteure wie die AOK. Ihrem Team müsse es gelingen, in die relevanten Zielgruppen einzudringen, Gewohnheiten aufzubrechen und Gesundheitskompetenz zu vermitteln.
Dabei müssen Marsic und Co. den Zugang zu den Gruppen finden, die Strukturen existieren bereits. „Wir haben die Kompetenz und die Strukturen, die Gesellschaft gesünder zu machen“, ist sie überzeugt. Das gehe aber nur mit der Unterstützung der Gesellschaft, in der laut Marsic jeder Akteur seinen Anteil zu einem gesunden Leben beisteuert. Wir müssen Vorbilder für unseren Nachwuchs sein, gesund und bewusst agieren sowie uns um uns selbst kümmern. Nicht erst dann, wenn wir krank sind.
Werte sammeln und verstehen
Von Schnellschüssen hält die 43-Jährige nichts, fordert stattdessen „konzeptionelles Denken“. In der Schule würde sie ein Gesundheitsfach begrüßen, jedoch nur in Kombination mit Digitalkompetenz. „Die Welt wird schneller, digitaler und wir müssen Jung bis Alt befähigen, digitale Anwendungen zu nutzen“, um persönliche Informationen zu verstehen. Beispiel Wearables. Die gesammelten Daten über Bewegungsminuten, Herzfrequenz et cetera bringen nur mit einer vernünftigen Auswertung Vorteile.
Und obgleich die AOK BW und der STB viel Gutes zusammen leisten, weiß das Vorstandsmitglied aber auch, umsetzen muss es der Mensch selbst.
Sie beobachtet zudem immer mehr extreme Verhaltensweisen. Entweder treiben Menschen gar keinen Sport oder trainieren für die nächste Höchstleistung. Ein Mittelding gibt es selten.
Als Gesellschaft muss daher unser oberstes Ziel sein, die Bewegung zu schätzen und Spaß zu haben. Kleine Strecken laufend zurückzulegen, ist nämlich auch eine starke Leistung, macht Marsic deutlich. Einen Marathon auf Bestzeit zu absolvieren, berge dagegen durchaus auch gesundheitliche Risiken. „Wir müssen den Faktor Erfolg anders messen“, fordert sie. Dann werde unsere Gesellschaft automatisch toleranter, offener und gesünder. Übertragen aufs Turnen: Ein Rad reicht völlig aus, es muss nicht der Flickflack sein.
Jahrelange, intensive Zusammenarbeit
Mit ihrem AOK-Präventionsteam, bestehend aus mehr als 500 Menschen in Baden-Württemberg, hat sie also noch einiges vor sich. Wer Marsic erlebt, merkt schnell: Sie wird dieses Ziel nicht aus den Augen verlieren und lässt sich überhaupt nicht aus der Ruhe bringen. Sie ist Fachfrau durch und durch, ehrlich zu anderen, aber auch zu sich selbst.
So muss sie aktuell einräumen, dass ihr Tagesablauf es nicht zulässt, regelmäßige Kraft-Ausdauer-Workouts einzuschieben. Eine Sache des Zeitmanagements, nichts anderes. Ausreden? Bei Marsic Fehlanzeige. Dieser Pragmatismus beeindruckt. Ihren Ausgleich zur vollgepackten Woche holt sie sich derzeit stattdessen in ihrem neu angelegten Garten oder bei Wanderungen in Südtirol.
Diese Transparenz, das Ziel einer gesunden Gesellschaft sowie die regionale Nähe sind elementare Gemeinsamkeiten der AOK und dem STB. Auch deshalb funktioniert die intensive Zusammenarbeit seit mehreren Jahren so gut, erklärt das Vorstandsmitglied und fügt hinzu: „Gemeinsam mit dem STB sind wir bei den Menschen dort, wo sie uns brauchen.“

