PERSÖNLICHkeiten: Susanne Widmaier – mit der richtigen Balance in Sport und Politik

Dieses Mal: Susanne Widmaier – mit der richtigen Balance Sport und Politik miteinander in Einklang bringen.

So schön der Salto auch sein mag, Susanne Widmaier ist nie in den Genuss gekommen, dieses Element zu lernen. Die heute 73-Jährige wächst in einer Schulzeit auf, wo der Sportunterricht in einer minimalen Halle stattfindet. Dort werden die zu vermittelnden Inhalte „gefühlt“ auf Rolle vorwärts und rückwärts sowie auf Elemente an Turnstangen beschränkt. „Die Förderung von heute gab es damals bei weitem nicht“, erinnert sich Widmaier zurück. Die positive Entwicklung in den vergangenen Jahrzehnten sei ein wichtiger Meilenstein für die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen. Trotzdem nicht ausreichend, wie der Blick auf das jährlich erscheinende Fitnessbarometer der Kinderturnstiftung Baden-Württemberg regelmäßig aufzeigt: Unsere Kinder bewegen sich im Schnitt nach wie vor zu wenig!

Den Schlüssel, mit diesem Trend zu brechen, sieht die Uhingerin im Schaffen von Bewegungsräumen und im Ermutigen, diese auch zu nutzen. Bei ihr sei das in früheren Jahren nicht anders gewesen: „Wir haben so lange Fahrradfahren oder Schwimmen geübt, bis wir es konnten.“ Die Eigenmotiviation, Bewegungen zu lernen, sei so groß gewesen, dass die Bereitschaft fürs Üben und Trainieren automatisch vorhanden waren. Heutzutage fehle diese Bereitschaft immer häufiger und leide außerdem an den nicht mehr „kindgerechten“ Umgebungen. In der Stadt können Kinder nur auf den Spielplatz, um sich auszutoben. Auf dem Land können sie dagegen einfach raus und frei sein.

Fehlende Kita-Plätze und ein Freibad

Widmaier selbst absolviert nach der Schule eine Ausbildung in der Drogerie. Danach, in ihrer langjährigen Tätigkeit in der Kosmetikherstellung, war sie gewerkschaftlich engagiert, zwischenzeitlich sogar Betriebsrätin. Später, während ihrer Familienpause, fügen sich die Dinge ganz zufällig: Sie erlebt hautnah, dass in Uhingen keine Kindergartenplätze zur Verfügung stehen. Obendrein soll das bereits versprochene Freibad doch nicht gebaut werden. Letzteres, obwohl die Mittel für das Großprojekt bereits zugesagt wurden. Widmaier wird auf den Plan gerufen, für den Gemeinderat zu kandidieren. Sie möchte diese zwei Missstände nicht tatenlos beobachten. Ohne große Hoffnung auf einen Erfolg schafft sie es überraschenderweise doch in den Gemeinderat. Ihre politische Laufbahn beginnt. Bis heute folgen Tätigkeiten als Gemeinde- und Kreisrätin sowie als Mitglied des Regionalparlaments und als ehrenamtliche Stellvertreterin des Bürgermeisters.

In etwa zeitgleich sucht der TV Uhingen einen Oberturnwart – für Widmaier der perfekte Wiedereinstieg in der der Familienpause in eine sinnstiftende Tätigkeit. Sie kennt ihre organisatorischen Talente, fühlt sich aus sportlicher Sicht aber noch zu unerfahren. Also bildet sie sich beim Schwäbischen Turnerbund (STB) als Übungsleiterin Yoga, Gesundheit, Entspannung und im Anschluss mit der Lizenz für Prävention aus. Ihr Antrieb? Auf dem neuesten Stand zu sein sowie von jeder Fortbildung nach Hause zu kommen mit dem Wissen, etwas gelernt zu haben.

Mit cleveren Entscheidungen zur dreifachen Größe

Zu ihrem Start als Übungsleiterin hat der TVU vor mehr als 30 Jahren zwischen 600 und 700 Mitgliedern. Es folgt eine Erfolgsgeschichte. Mit regelmäßigen punktuellen Erweiterungen der vereinseigenen Liegenschaften gelingt es dem Verein, sein Portfolio unter anderem mit einem vielseitigen Kursprogramm sowie mit Angeboten im Rehasport zu erweitern. Die Judoabteilung bekommt einen eigenen Anbau, die Vereinshalle wird in der Folge um ein Stockwerk erhöht sowie ein eigenes Vereins-Fitnessstudio integriert. Neben diesen „Leuchtturm-Maßnahmen“ gab es in den vergangenen mehr als 30 Jahren weitere, die dafür gesorgt haben, dass der Verein mittlerweile auf mehr als 1 800 Mitglieder angewachsen ist. Eine Zahl, die bei weiterem Wachstum ohne eine hauptamtliche Kraft nicht mehr zu stemmen wäre, erklärt Widmaier stolz. Aktuell leiten zwei Minijob-Kräfte mit einer engagierten Vorstandschaft die Geschicke der Geschäftsstelle.

Eine mögliche Zukunftslösung sei ein Geschäftsführer, jedoch nicht ein x-beliebiger. Gesucht werde eine Person, die diesen Verein mit Leidenschaft verkörpert und aus dieser Leidenschaft die richtigen Entscheidungen treffe. Demokratisch, transparent und clever.

Demokratie beginnt im (Sport-)Verein

Alles auch Attribute, die Widmaier in ihrer politischen Arbeit verkörpert und auch von der Gesellschaft verlangt. Eine der Triebfedern für ihr politisches Engagement: „ Wir alle sind gefordert, uns einzubringen; nicht passiv zu sein, nur am Handy zu hängen, über alles zu schimpfen. Das vermisse ich in diesen Zeiten schon; da bin ich dankbar über die Vereinsstruktur.“ Dort würden Kinder noch demokratische Abstimmungen lernen: Gehen wir wandern oder ins Schwimmbad? Und mit dieser müssen sie leben.

Die Uhingerin selbst lebt dieses Bild vor: Obwohl die mittlerweile 73-jährige Rentnerin auch nicht mit allen Maßnahmen und Entscheidungen auf gesellschaftspolitischer Ebene zufrieden ist, schimpft sie wenig. Vielmehr erklärt sie mit fast stoischer Ruhe: „Jedes Gesetz hat seine Daseinsberechtigung und fußt auf komplexen Entscheidungen.“

Diese Einstellung ist es auch, mit der die Politikerin im Verein auftritt: Gemeinsam nach Lösungen suchen, um alle zusammen nach vorne zu bringen. Ein Paradebeispiel dafür: der alle Jahre wieder ausgehandelte Solidarpakt Sport in Baden-Württemberg. Anhand dieses Pakts können „Vereins- und Schulsport stattfinden“. Politik zeige an dieser Stelle eindrucksvoll, wie stark ihr Impact für die Gesellschaft ausfallen kann. Die Voraussetzungen, dass dies jedoch klappt: eine gute Basis. Diese führe einem ohne Umschweife vor Augen, wo der Schuh in der Bevölkerung drückt, beschreibt es Widmaier. Seit Jahren pflegt sie den Kontakt zur „Basis“. Das heißt: Neben ihren politischen und sportlichen Engagements war sie als Elternvertreterin in Kindergarten und Schule aktiv,

unterstützt bei Flüchtlingsthemen oder fungiert als Vorlesepatin. Im Dienst für die Gesellschaft quasi.

„Im Hier und Jetzt leben“

Die Rentnerin hat es verstanden, Sport und Politik sowie Berufstätigkeit seit Jahrzehnten erfolgreich zu verbinden, gleichzeitig aber eine nötige Distanz an den Tag zu legen. Beispielsweise agiert sie als Übungsleiterin im Gesundheitssport völlig unpolitisch, was in der Vergangenheit öfters dazu geführt hat, dass ihre Kursteilnehmenden bei Wahlveranstaltungen über ihr politisches Engagement überrascht waren.

Worin steckt ihre Kraft, diese Doppelfunktion sowie weitere Herausforderungen in der Vergangenheit sowie noch heute wegzustecken? „Im Hier und Jetzt leben“, empfiehlt sie. Was kommt, weiß man nicht; was war, kann ich nicht ändern. Mit guten Plänen lasse sich Zeit effizienter strukturieren und dadurch ergebe sich auch mehr Freiraum. Im Umkehrschluss bedeutet das: weniger Stress. Woher sie das weiß? Aus der Übungsleiterausbildung im Gesundheitssport beim STB.

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