Lea Toran Jenner gehört zu den besten Artistinnen der Welt. | Foto: Arne Claussen

PERSÖNLICHkeiten: Lea Toran Jenner – die Zirkusartistin, die ihren Traum lebt

In der aktuellen Ausgabe des STB Magazins wird dieses Mal Lea Toran Jenner porträtiert. Die 34-Jährige gehört zu den besten Artistinnen der Welt und lebt ihren Kindheitstraum.

Es gibt viel deutlich sinnvollere Fragen, als die, ob Lea Toran Jenner einen Salto schafft. Seit die Ulmerin fünf Jahre alt ist, wusste sie, dass ihre Zukunft im Zirkus liegt. Mit harter Arbeit hat sie aus ihrem Traum Realität gemacht. Auf ihrem Weg hat sie es zu den renommiertesten Zirkussen auf der Welt geschafft: Moulin Rouge Paris, Monte Carlo Zirkusfestival oder sogar der Cirque du Soleil.

Ihren Anfang nimmt ihre außergewöhnliche Geschichte beim SSV Ulm im Gerätturnen. Fünf Jahre turnt sie, bis sie zur Sport-Aerobic wechselt. Toran Jenner findet schnell Gefallen an der Dynamik und den Elementen des Sports. Sieben Jahre gibt sie alles für ihren Sport, repräsentiert sogar das deutsche Nationalteam auf internationalen Wettkämpfen. Eine extrem wichtige Zeit, wie Toran Jenner heute sagt: „Sport-Aerobic hat sowohl Grundlagen gesetzt für alles, was ich jetzt mache sowie auch meine Entwicklung als Mensch geprägt.“ Bis sie 19 ist, betreibt Toran Jenner Sport-Aerobic aus voller Überzeugung; jedoch immer mit dem Gedanken in Richtung Zirkusschule. Der Gedanke reift mit der Zeit immer mehr heran. Aus dem bloßen Wunsch wird irgendwann fast greifbare Realität. Sie meldet sich zur Aufnahmeprüfung an der École Nationale de Cirque in Kanada an und schuftet viele Monate zwei bis drei Stunden täglich für ihren Traum. Die Hürde allerdings ist sehr groß: Gerade einmal 30 Plätze vergibt die bekannteste Artistenschule jährlich!

Viele Preise abgeräumt

Warum Kanada? „Weil sie die renommierteste Zirkusschule der Welt ist“, erklärt die gebürtige Münchnerin, die in Ulm aufwächst. Die damals 19-Jährige investiert einiges, um sich ihren Traum zu erfüllen. Sie trainiert viel allein; Kraft und Beweglichkeit sowie tänzerische Elemente. Unterstützt wird sie dabei aber auch von Anke Beranek. Die Coachin begleitet ihren Schützling mehr als ein Jahrzehnt lang, vermittelt Grundlagen.

Ihre Hartnäckigkeit zahlt sich aus: Sie besteht die Aufnahmeprüfung und wird an der kanadischen Zirkusschule angenommen. Was folgt, ist eine dreijährige Ausbildung. Mit 22 beginnt sie, als moderne Zirkusartistin zu arbeiten. An ihrer Seite: Das in der Ausbildung kennengelernte Cyr Wheel (zu deutsch: Cyr Rad). Mit ihrem Partner Francis Perreault, den sie ebenfalls in der Zirkusschule kennenlernt, konzipiert sie eine neue Show. Als Duo Unity präsentieren sie seitdem Auftritte mit dem Cyr Rad im Doppelpack und heimsen zahlreiche Preise ein. Toran Jenner funktioniert aber auch als Einzelartistin. Sie wird von zahlreichen Zirkussen gebucht, tourt mit den verschiedensten Anbietern durch die Welt und genießt ihr Künstlerdasein. So sehr, dass sie sich sogar vorstellen kann, bis ins Rentenalter Menschen mit ihren Auftritten zu verzaubern.

Mehr als 2000 Auftritte nötig

Doch was ist es genau, dass die 34-Jährige so sehr an der Artistik fasziniert? „Auf dem Cyr Rad fühlen sich viele Elemente zeitweise so an, als würde ich fliegen“, beschreibt die Ulmerin ihre Glücksgefühle. Mit Blick auf das Sportgerät und die schier unendlichen Drehungen lässt sich diese Aussage durchaus in Ansätzen verstehen. 

Was oft im Verborgenen bleibt: Toran Jenner tritt nicht einfach nur auf, sie lebt jede Tour. An jedem Standort warten auf sie zahlreiche Auftritte. Jedes Mal aufs Neue Elemente immer und immer wiedergeben. Wie gelingt es ihr da, nicht nachlässig oder gelangweilt zu werden? „Der Schlüssel liegt in der Sicherheit und Erfahrung meiner Auftritte“, erklärt die Ulmerin. Über die Fülle an Shows erhält sie im Gegenzug das Bewusstsein, immer auf den Punkt da zu sein. „Irgendwann weißt du dann, dass nichts mehr schiefgehen kann“, sagt Toran Jenner. Dieses Selbstbewusstsein zu spüren, sei „ein ganz besonderes Gefühl“. Wie viele Auftritte sind nötig, um sich dieses Selbstbewusstsein zu erarbeiten? „Mehr als 2000 im Duo, dazu noch mehr als 700 Auftritte im Solo“, verrät die 34-Jährige. Sie verrät zudem einen Trick, wie sie sich immer wieder aufs Neue motiviert: „Du musst dir einfach nur vor Augen führen, dass die Menschen die Show zum ersten Mal sehen.“ Langeweile beim Publikum also Fehlanzeige.

Früh anfangen lohnt sich

Dem Nachwuchs, der ebenfalls in den Zirkus strebt, empfiehlt Toran Jenner einen frühestmöglichen Beginn der Grundlagenausbildung. Dabei sei es gar nicht entscheidend, die ersten Schritte im Zirkus zu sammeln. Interessierte Kinder sollen vielmehr turnen und tanzen auf einem höchstmöglichen Niveau. Eine Zirkusausbildung im Anschluss in welcher Form auch immer sei kein Problem. „Jede Person hat ihren eigenen individuellen Weg“, sagt die Ulmerin. Bestes Beispiel: Sie selbst.

Einer der Pfade auf Toran Jenners Weg beinhaltet das Cyr Rad. Mit diesem Gerät präsentiert die 34-Jährige unnachahmliche Elemente. Diese hat sie so perfektioniert, dass sie sich vor zwei Jahren im niederländischen Almere zur Weltmeisterin gekürt hat. Auf diesen Titel ist Toran Jenner „stolz“, höher hängen wolle sie ihn aber nicht. „Im Vergleich zu meiner Karriere ist der WM-Titel aber nur ein kleiner Teil“, begründet sie ihre Zurückhaltung. Das bedeute aber nicht, dass sie die WM-Verteidigung auf die leichte Schulter nimmt. In Göttingen Anfang Juli möchte sie wieder triumphieren (Anm. d. Redaktion: Entscheidung erst nach Redaktionsschluss).

Zu Hause ist ein Gefühl

Bei so viel Auftritten und verschiedener Orte gibt es bei ihr momentan kein Gefühl von Heimat: „Manchmal sind es Menschen, die mir dieses Gefühl geben, manchmal ist es die Heimat, wo ich aufgewachsen bin.“ Genauso gut könne es aber auch eine neue Herausforderung sein, die ihr guttue. Für sie sei entscheidend, „sich wohlzufühlen und mit Menschen Zeit zu verbringen, die einem wichtig sind“.

Von diesem Gefühl lässt sie sich schon ihr ganzes Leben treiben. Ob in ihrer Anfangszeit beim SSV Ulm im Schwäbischen Turnerbund, wo sie mit ihren Teamkollegen gelernt hat, sich zu vertrauen und gegenseitig zu motivieren; oder auf den größten Bühnen in den imposantesten Hallen der Welt. Das Leben der 34-Jährigen ist spektakulär und beeindruckend. Das nächste Projekt steht schon in den Startlöchern: Ihre eigene Solo-Show „ZIRKUSLEA LIVE“ im Berliner Punch Line Club am 17. Oktober.

Bei bereits mehr als 2000 gesammelten Auftritten und dem Ziel bis ins Rentenalter auf der Bühne zu stehen, ist klar, dass die Grenze der Artistin Toran Jenner, die nebenbei noch Creatorin, Speakerin und Unternehmerin ist, keine Grenzen kennt. Noch stärker spürbar wird das auf Social Media, wo sie als zirkuslea bekannt ist. Täglich postet die Absolventin der Hochschule für Digital Filmmaking mehrere Reels und erreicht im Monat rund eine Million Menschen über Instagram und TikTok. Obendrein hostet sie den Podcast Zirkushotline, der sonntags erscheint, mit 2000 Streams pro Episode.

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