Mit 70 Jahren nach wie vor fit wie ein Turnschuh: Paul Schneider, Cheftrainer von Turn-Bundesligist TV Schwäbisch Gmünd-Wetzgau.

PERSÖNLICHkeiten – der nimmermüde Stadtsportlehrer Schwäbisch Gmünds

In der Februarausgabe des STB Magazins wird dieses Mal Paul Schneider porträtiert. Der Cheftrainer von Bundesligist TV Schwäbisch Gmünd-Wetzgau gehört zu den Turn-Institutionen im STB-Gebiet.

Klar schafft er heute noch einen Salto, zögert Paul Schneider keine Sekunde. Von Alterserscheinungen beim gebürtigen Rumänen mit 70 Jahren keine Spur! Ein klares Erfolgsrezept habe er nicht, grübelt Schneider. Doch beim längeren Zuhören wird klar: Ein normaler „Senior“ ist der ehemalige Turner auch nicht. Jeden Morgen absolviert er diszipliniert sein Fitnessprogramm. Auf eine halbe Stunde Kraft- und Beweglichkeitsübungen folgen Klimmzüge, Liegestütz und Kräftigung mit dem Gummiband.

Nach der Routineeinheit ist Schneider bereit für seinen Alltag. Als ehemaliger Stadtsportlehrer Gmünds betreut er pro Woche acht Kindergärten und versucht Kinder zur Bewegung zu animieren. Vor Ort kann es dann durchaus vorkommen, dass der ehemalige Spitzenturner bei den Übungen mitmachen muss. Für Schneider kein Problem, sondern pure Freude. Für ihn bedeutet Sport – wenig verwunderlich – alles.  Angefangen hat seine Turnkarriere im rumänischen Regen. Nach dem Abitur geht es für ihn in die Hauptstadt Bukarest, wo er als Leistungssportler in den 70er-Jahren in der rumänischen Nationalmannschaft turnt und den Abschluss zum Diplom Sportlehrer erwirbt.

Seit 30 Jahren eine Erfolgsgeschichte

Über die Station Heidenheim und Süßen, wo er zwischen 1984 und 1990 in der STB-Oberliga turnt, besucht er in den 80er-Jahren einen Lehrgang des Schwäbischen Turnerbunds. Dort lernt er zufällig Otto Baur kennen, der ihn nach Schwäbisch Gmünd lotst. Zu dieser Zeit sucht die Stadt einen Stadtsportlehrer. Baur erkennt in Schneider eine Idealbesetzung für den Job. Wenig später sagt Schneider zu. Es beginnt eine einmalige Erfolgsgeschichte, die schon mehr als 30 Jahre anhält.

„Das Konzept des Stadtsportlehrers ist sehr gut“, erklärt der 70-Jährige. Dabei konzentriert sich das Konzept darauf, in den Sportarten Turnen, Schwimmen und Leichtathletik Zusatzeinheiten zum normalen Sportunterricht zu ermöglichen. In Gmünd funktioniere das entsprechend gut, so Schneider.

Zugute kommt ihm in der Anfangszeit auch, dass Baur ihm als „Freund und Mentor freie Hand lässt“. So konnte Schneider „seine ganz eigenen Ideen verwirklichen“. Diese schlagen an und tragen Früchte. Für den Sportlehrer ist ein Traum in Erfüllung gegangen, „sein Hobby zum Beruf zu machen“. Er liebt es, Kinder für den Sport zu begeistern.

2013 gelingt die Sensation

Über die Jahre wird die Begeisterung immer messbarer: Der TV Schwäbisch Gmünd Wetzgau erhält das Prädikat „DTB-Turntalentschule“ und reift zur Spitzen-Turnmannschaft in Deutschland. Nach dem Aufstieg 2006 in die 1. Kunstturnbundesliga gelingt dem Verein 2013 die Sensation: Cheftrainer Schneider und Co. holen die deutsche Mannschaftsmeisterschaft nach zuvor fünf Medaillenplätzen. Auch in der Folge bleibt das Team erfolgreich und schließt die jüngste Saison im vergangenen Dezember erneut mit der Vizemeisterschaft ab. „Das ist alles ein glücklicher Zufall, dass wir die richtigen Kinder gefunden und von der Stadt die notwendige Unterstützung bekommen haben“, erklärt Schneider sehr demütig die Erfolgsgründe.

Den STB sieht er in dieser Hinsicht als wichtigen Akteur und Unterstützer. Mit seinen vielseitigen Angeboten und Netzwerken bietet der Verband immer wieder Austauschmöglichkeiten für Vereine, damit diese wiederum die besten Sportangebote auf die Beine stellen.

Ein Leistungszentrum mit Schnitzelgrube

Einen weiteren Beitrag zur erfolgreichen Nachwuchsarbeit haben außerdem die Rahmenbedingungen beim TVW geleistet. Seit 2010 hat die Stadt Schwäbisch Gmünd ein Leistungszentrum mit feststehenden Geräten inklusive Schnitzelgrube, welches dem Verein als Trainingsstätte zur Verfügung steht. Beste Ausbildungsbedingungen, um mit den großen Vertretern bundesweit mitzuhalten. Das sieht auch Schneider so: „Es gibt viele Talentschulen in Deutschland, weshalb wir sehr froh sind, zu den Besten zu gehören.“

Allein auf die äußeren Umstände lässt sich die Erfolgsgeschichte aber nicht begründen. Denn Schneider ist es mit den richtigen Stellschrauben gelungen, ein funktionierendes Ausbildungssystem zu formen. Dieses setzt bereits im Kindesalter an und versucht, talentierte Turner ausfindig zu machen und im weiteren Verlauf ihrer Entwicklung zu betreuen.

Gerade in diesen Zeiten bedeutet das aber viele Kompromisse, wie auch Paul Schneider weiß. Vor allem das Programm in der Schule bereite ihm und den Verantwortlichen Probleme. In erster Linie wegen des Nachmittagsunterrichts, der inzwischen zum Teil sogar in Grundschulen an der Tagesordnung ist. Folglich sind Schneider und sein Team nicht so flexibel, wie sie es gerne würden sein wollen. Also müssen Lösungen gefunden werden. Und das funktioniere nach Meinung des Turn-Chefs „insgesamt sehr gut“. Die Schulen ziehen mit und ermöglichen bei Bedarf Trainingseinheiten am Vormittag im Leistungszentrum. Nachmittags komme es dagegen auch schon mal vor, dass manche Athleten bei anderen Gruppen mittrainieren, weil sie erst zu einer späteren Uhrzeit loslegen können. Aber auch das bekommen Schneider und Co. geschaukelt.

Ex-Leistungsturner Helge Liebrich wird sein Nachfolger

„Eine große Unterstützung“ in dieser Geschichte stellt auch sein Ex-Schützling Helge Liebrich dar, der Schneider vor fünf Jahren als Stadtsportlehrer beerbte. Wirklich weniger Arbeit hat der 70-Jährige dadurch aber nicht. Er ist quasi der Mann für Alles und immer auf der Suche nach Optimierungen. Seinen Job versteht er als 24-Stunden-Aufgabe, in der er führen, mitziehen und motivieren muss.

Heutzutage sei das in erster Linie im Nachwuchsbereich aber immer schwerer, da die Konkurrenz an anderen Angeboten sehr hoch ist. Medien, Smartphones und andere Dinge verschieben den Fokus der jungen Turner. Wenn dann die Eltern nicht als Gegenpol agieren, werde es sehr schwer, gegenzulenken. „Die Jugend ist bequemer geworden“, findet Schneider, der zugleich auch die Familien in die Pflicht nimmt. Diese müssten (Trainings-)Termine als solche klar kommunizieren, damit die Einheiten zur Gewohnheit werden. Nur so könne eine Regelmäßigkeit erzielt werden. Auf der anderen Seite weiß er aber auch um seine Bedeutung als Trainer. Neben der notwendigen Disziplin muss er auch ein Gefühl für seine Schützlinge haben, sie verstehen. Der Turnsport sei zwar keine Spielhalle, an Empathie darf es trotzdem nicht fehlen.

Der Paul Schneider außerhalb des Sports

Der Cheftrainer des TVW brennt nach all den Jahren weiter für seinen Sport: „Ich werde nie mit Turnen aufhören“. Selbst wenn er in den nächsten Jahren aus irgendwelchen Gründen kürzertreten sollte, werde er dem Turnsport immer erhalten bleiben – dann eben verstärkt in organisatorischer Rolle. Hierfür hält er bereits Ausschau nach einem Nachfolger. Hier wird eben nichts dem Zufall überlassen.

Neben all den Aktivitäten im Sportbereich und zahlreichen Ehrenamtsposten gibt es aber auch noch einen privaten Paul Schneider. In den vergangenen Jahren hat er etwa das Kochen für sich entdeckt und bereitet am Wochenende gerne aufwändigere Mahlzeiten zu. Obendrein hat er mit der Zeit auch die Musik intensiver kennengerlernt. Besonders die Jazz-Richtung hat es ihm angetan. Hier kann er herunterfahren und seinen Geist entspannen nach dem ganzen sportlichen Trubel.

Lange hält dieser sportfreie Zustand jedoch nicht an. Denn der ehemalige Stadtsportlehrer ist weiterhin ehrgeizig, ohne sich dabei im Träumen zu verlieren. Wahrscheinlich ist das einer der Hauptgründe für die Erfolgsgeschichte des TVW und von Paul Schneider – der inzwischen zu einer sportlichen Institution in Schwäbisch Gmünd geworden ist.

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