Bekommt Spitzensport und Ausbildung unter einen Hut: Gerätturnerin Carina Kröll.

Spitzensport vs. Beruf/Ausbildung

Spitzensport und Beruf oder Ausbildung unter einen Hut bekommen? Geht das? Ja, wie die Spitzensportler Carina Kröll und Tim-Oliver Geßwein es vormachen.

Gerätturnerin Carina hat bis vor kurzem parallel studiert, Trampolinturner Tim-Oliver arbeitet nebenbei auf Teilzeitbasis. Die beiden berichten, wie das in der Praxis funktioniert.


Steckbrief Carina Kröll:
Sportart: Gerätturnen
Jahrgang: 2001
Verein: MTV Stuttgart
Beruf: Studentin

STB: Seit wann lebst du mit der Doppelbelastung Spitzensport und Studium?
Carina: Ich studiere seit Juli 2020 an der Internationalen Hochschule in Erfurt. Dort habe ich ein Fernstudium im Studiengang Gesundheitspsychologie absolviert. Am 10. Mai dieses Jahres habe ich mein Studium erfolgreich abgeschlossen.

Wie sieht eine gewöhnliche Woche (ohne Wettkämpfe) bei dir aus? (Training und Studium, wöchentliches Pensum in Stunden)
Ein normaler Tagesablauf sieht wie folgt aus: Eine erste Trainingseinheit findet von 9:00 bis 12:00 statt, dann ist Mittagspause von 12:00 bis 14:00. In dieser Zeit habe ich Physiotherapie, beantworte Mails und regeneriere mich. Die zweite Einheit dauert von 14:00 bis 16:00. Um Anschluss geht es heim und direkt für mindestens zwei Stunden an den Schreibtisch, um für das Studium Skripte zu lesen und zu lernen. Da ich in einer WG mit meinem Bruder wohne, muss am Abend noch der Haushalt gemacht werden.

Was studierst du?
Der Studiengang heißt Gesundheitspsychologie.

Wieso hast du dich für das Studium und die Fachrichtung entschieden?
Mich hat schon immer interessiert, wie der Mensch tickt und gleichzeitig wie bestimmte Funktionen im Körper ablaufen. Ich wollte mich in meinem Studium jedoch nicht gleich auf eine bestimmte Richtung festlegen. Der Studiengang Gesundheitspsychologie setzt optimale Grundlagen für eine spätere Karriere im klinischen, beruflichen oder digitalen Gesundheitsbereich. Neben anatomisch-medizinischen sowie sozial-gesundheitlichen Grundlagen werden zudem fachübergreifende Kenntnisse vermittelt. Auch psychologisch-diagnostische Kompetenzen zur Prävention und Bewältigung von Stress, Sucht und immunologischen Erkrankungen stellen einen inhaltlichen Schwerpunkt dar. Eine enorm spannende Richtung wie ich finde.

Hast du in deiner sportlichen Laufbahn eine Berufsberatung oder ähnliches schon einmal in Anspruch genommen?
Nach meinem Abitur hatte ich keinen wirklichen Plan, was ich machen möchte. Ich habe mich dann bei der Agentur für Arbeit beraten lassen und einen Bundesfreiwilligendienst beim Schwäbischen Turnerbund im Bereich Eventmanagement gemacht. Das hat mir geholfen, um einzugrenzen was mir Spaß macht und welche Fachgebiete mich interessieren.

Wieso Studium und nicht Ausbildung?
Folgende 3 Gründe haben für mich dafür gesprochen ein Studium zu absolvieren: Bessere Verdienstmöglichkeiten: Im Durchschnitt verdienen Akademiker mehr Geld als Ausbildungsabsolventen. Verbesserte Karrierechancen: Ein Studienabschluss ist oftmals die Eintrittskarte für leitende Positionen. Viele Freiheiten: Man kann sich selbst organisieren und ich hatte durch das Fernstudium keine Anwesenheitspflicht an der Uni, was viel Freiheit gegeben hat.

Wieso Fernstudium und nicht Regelstudium? Ist das mit deinem Sport besser vereinbar?
Bei meinem Fernstudium gibt es flexible Zeitmodelle, die ich jederzeit wechseln kann. In Deutschland gibt es mehr als 28 Standorte, an denen man Klausuren schreiben kann. Ich habe jedoch den vollen Vorteil des Fernstudiums genutzt und mein komplettes Studium online gemacht. Ich habe mir online Vorträge angehört, online Präsentationen gehalten, online Klausuren geschrieben und sogar das Kolloquium meiner Bachelorarbeit online gehalten. Außerdem habe ich keine festen Fristen gehabt, bis wann ich etwas abgeben muss, das hat mir enorm viel Flexibilität geboten. So war es mir möglich, von überall auf der Welt zu studieren, egal ob beim Weltcup in Japan oder beim Trainingslager in Österreich. Für mich war das Studium optimal nebenher als Leistungssportlerin wie gewohnt trainieren zu können.

Wie sieht deine Planung nach der aktiven Turnkarriere aus?
Tatsächlich möchte ich aktuell noch nicht an das Ende meiner Turnkarriere denken. Ich bin Anfang 2022 von der deutschen Nationalmannschaft zur österreichischen Nationalmannschaft gewechselt. Dank meinem Papa habe ich neben der deutschen auch die österreichische Staatsbürgerschaft, weshalb mir immer die Möglichkeit offenstand, für Österreich zu starten. Da mir nach meiner Hüft-OP 2029 beim deutschen Turnerbund die Perspektiven genommen wurden, habe ich mich für diesen Schritt entschieden. Mit meinem Studium stehen mir viele Wege offen. Mittlerweile sind bei großen Firmen wie Porsche, Daimler, Amazon die Stellen für Gesundheitspsychologen hoch angesiedelt und sehr gefragt.

Durch die steigenden Anforderungen sind die Methoden der Gesundheits- oder Personalpsychologen und derer spezielle Kompetenz von großer Bedeutung. Denn das Gesundheitsbewusstsein der Deutschen steigt, Sportprogramme, Schulungen, Betriebliches Gesundheitsmanagement, Work-Life-Balance und eine bewusste und gesunde Ernährung gehören immer mehr zum Alltag dazu. Das ist in Zeiten von Leistungsdruck, Schnelllebigkeit, Depression oder Burnout auch dringend nötig. Für Unternehmen stellt sich immer die wichtige Frage nach den Ursachen von psychischen Krankheiten bzw. wo liegt die Ursache von Stress, wie erfolgt Stressbewältigung, und wie erhalten Unternehmen das wichtige Gut der Gesundheit ihrer Mitarbeiter.

Welche sportlichen Ziele möchtest du noch in den nächsten Jahren erreichen? (EM, WM, Olympia etc.)
Das Ziel für dieses Jahr ist es, bei der WM einen Einzelplatz für die Olympischen Spiele nächstes Jahr zu sichern. Olympia ist und bleibt mein großer Traum und dafür werde ich kämpfen.


Steckbrief Tim-Oliver Geßwein:
Sportart: Trampolin
Jahrgang: 1996
Verein: MTV Stuttgart
Beruf: Entwicklungsingenieur

STB: Seit wann lebst du mit der Doppelbelastung Spitzensport und Beruf?
Tim-Oliver: Nachdem ich im August 2022 meinen Master im Maschinenbau abgeschlossen habe, habe ich im Oktober 2022 bei der Firma Kipp GmbH & Co. KG angefangen, zu arbeiten. Zunächst habe ich dort ein Management Trainee Programm absolviert, da ich noch nicht genau wusste, in welche Richtung ich mich spezialisieren wollte. Es hat sich schnell herausgestellt, dass ich mich im Bereich der Entwicklung interessiere und bekam dort die Möglichkeit, in der Vorentwicklung zu arbeiten. Seit April 2023 bin ich nun fest in der Vorentwicklung angestellt.

Wie sieht eine gewöhnliche Woche (ohne Wettkämpfe) bei dir aus? (Training und Job, wöchentliches Pensum)
Ich habe einen Teilzeitvertrag und arbeite 28 Stunden in der Woche (zweimal im Betrieb und dreimal im Home-Office). Außerdem trainiere ich dienstags und donnerstags jeweils zweimal und montags, mittwochs und freitags jeweils einmal.

Was machst du in deinem Job konkret?
Ich bin in der Abteilung Innovation and Advanced Development tätig. Dort bearbeite ich viele Vorentwicklungsanfragen von Kunden sowie interne Eigenentwicklungen meiner Firma. Die Kipp GmbH & Co. KG ist Zulieferer der Automobilindustrie und entwickelt hauptsächlich Sonderausstattungen. Meine Aufgabe ist es, die Anfragen zu prüfen, mechanisch und gegebenenfalls elektrisch auszulegen. Anschließend konstruiere ich die Baugruppen am PC mithilfe von CAD und bewerte die aufzuwendenden Kosten. Danach präsentiere ich die Ergebnisse bei den Kunden beziehungsweise intern. Des Weiteren besteht meine Aufgabe darin, Prototypen zu erstellen, die dann den Kunden präsentiert werden können, um unsere Eigenentwicklungen weiter voranzutreiben.

Wie schaffst du es, auf Wettkämpfe zu gehen trotz Arbeitsverpflichtung? (Stichwort-Arbeitszeit-Jahreskonto)
Für Wettkämpfe und Lehrgänge, zu denen ich für die Nationalmannschaft gehe, werde ich von meiner Firma freigestellt. Über die Deutsche Sporthilfe bekommt mein Unternehmen dann den Verdienstausfall erstattet. Dadurch muss ich keinen Urlaub nehmen und erhalte meinen Lohn ganz normal, was eine große Entlastung für mich ist.

Wie bist du auf deinen Partnerbetrieb aufmerksam geworden?
Da ich während meiner Masterarbeit keine Zeit hatte, mich um Bewerbungen zu kümmern, bin ich auf meinen Laufbahnberater Sascha Molt am OSP Stuttgart zugegangen und habe ihn gefragt, ob er Unternehmen kennt, die im Maschinenbau das Teilzeitmodell anbieten und Sportler unterstützen. Schon nach kurzer Zeit hat er mir ein Vorstellungsgespräch bei der Firma Kipp vermittelt. Im Vorstellungsgespräch wurde mir schnell klar, dass das die richtige Firma ist. Alle waren sehr freundlich und auch sehr interessiert daran, Sportler beim Start ins Berufsleben zu unterstützen und alles möglich zu machen, um die Doppelbelastung meistern zu können.

Unterstützt dich dein Betrieb beim Erreichen deiner sportlichen Ziele? (Auto, Erfolgsprämien, Kleidung etc.)
Mein Betrieb unterstützt mich durch flexible Arbeitszeiten und die Möglichkeit im Home-Office zu arbeiten. Des Weiteren habe ich einen Dienstwagen.

Wie sieht deine Planung nach der aktiven Turnkarriere aus?
Wenn ich meine sportliche Karriere beenden, kann ich von heute auf morgen bei meinem Betrieb von Teilzeit auf Vollzeit umsteigen. Mir gefällt es dort sehr gut, da ich nette, motivierte Kollegen habe und auch interessante Aufgaben bekomme. Daher werde ich auch nach meiner sportlichen Karriere sehr gerne weiterhin bei Kipp arbeiten und eventuell auch mehr Verantwortung im Beruf übernehmen.

Welche sportlichen Ziele möchtest du noch in den nächsten Jahren erreichen? (EM, WM, Olympia etc.)
Mein größter Traum war schon immer, einmal bei Olympia zu starten. Außerdem ist es mein Ziel, ein WM- und EM-Halbfinale im Einzel zu erreichen.

 

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