Ulrike Zeitler (Mitte, rechts neben Elisabeth Seitz) durfte bei öffentlichen Anlässen - hier Stuttgarts Sportlerehrung - nicht fehlen.

Persönlichkeiten: Dieses mal mit Ulrike Zeitler

Die Persönlichkeit im STB-Magazin im Monat Juli ist Ulrike Zeitler. Seit einem Jahr ist sie nicht mehr Präsidentin vom MTV Stuttgart, im Sport aber weiterhin aktiv. So ist die heute 65-Jährige Mitglied im Sportkreisrat Stuttgart sowie im Sportausschuss Stuttgart vertreten. Zwei Ämter, die den Charakterzug von Zeitler gut widerspiegeln: Ihre Liebe zum Sport und ihr Ziel, etwas zu bewegen.

Die gebürtige Ulmerin ist von Beruf Richterin. Dass gerade sie vor elf Jahren zum Vereinsoberhaupt des MTV Stuttgart wurde, überraschte sie im ersten Moment selbst ein wenig. „Bis dahin war ich ein langjähriges und engagiertes MTV-Mitglied, mehr aber auch nicht“, erinnert sich Zeitler.

Auf die ersten Überraschungsgefühle folgt eine Bedenkzeit von fünf Tagen: „Ich musste für mich erst einmal herausfinden, ob ich das machen möchte.“ Danach sagt sie zu. Sie übernimmt Stuttgarts größten Breitensportverein und den zweitgrößten gemessen an Turnmitgliedern beim STB. Verantwortung und Zeitler? Das harmoniert bei der 65-Jährigen.

Für die seit 1982 in Stuttgart lebende Zeitler gehörten schwierige Entscheidungen seit jeher zu ihrem Richteralltag. Ihr Beruf als Vorsitzende Richterin am Verwaltungsgericht in Stuttgart erforderte eine schnelle Auffassungsgabe für knifflige Sachverhalte und einen besonderen Weitblick. Alles Eigenschaften über die sie verfügt, wie sie mit einer gesunden Portion Selbstbewusstsein über sich sagt. Deshalb ist ihr auch nach fünf Tagen klar: „Ich mache den Job.“

Doppelerfolg bleibt besonders in Erinnerung

Für die Juristin, seit Februar 2021 im Ruhestand, beginnt eine aufregende Reise: „Ohne das Amt hätte ich so viele tolle Menschen nicht kennengelernt.“ Dazu zählt sie etwa die Turner Elisabeth Seitz, Kim Bui oder Marcel Nguyen. Diese und viele andere Begegnungen haben ihren Horizont „extrem erweitert“. Besonders in Erinnerung geblieben ist der gebürtigen Ulmerin der Doppelerfolg der Männer und Frauen des MTV bei den Deutschen Turnmeisterschaften im Jahr 2014 in Karlsruhe. „Da bekomme ich heute noch Gänsehaut“, erinnert sie sich zurück. Bereits die Anfahrt sei ein richtiges Highlight gewesen: „Wir sind damals mit dem Fanbus und unseren Handballern in die Fächerstadt gereist, um unsere Turner anzufeuern.“ Verschmerzbarer Nebeneffekt nach dem Doppel-Coup: „Im Anschluss waren alle heiser“, erzählt die 65-Jährige über die intensive Unterstützung.

Neben dem turnerischen Triumph denkt die Juristin auch gerne an die Siegesserie ihrer Volleyballdamen: „Jede Meisterschaft war auf ihre Weise besonders.“ Man kauft es der 65-Jährigen ab. Inzwischen hat sich der Allianz MTV Stuttgart drei Mal in Folge zum Champion gekrönt. Zeitlers Sportbegeisterung ist nach den Siegen aber immer noch ungebrochen.

Zeitler bemängelt fehlende Begeisterung

Auch wenn sie sich in ihrer Amtsperiode besonders für den Leistungssport stark gemacht hat, vergaß die 65-Jährige dabei nie den Nachwuchs: „Kinder brauchen Ansporn.“ Ihrer Meinung nach halfen und helfen dabei Leuchttürme wie Fabian Hambüchen oder Marcel Nguyen. Sie seien es, dem der Nachwuchs nacheifern möchte. Die Juristin erinnere sich bei Turnwettkämpfen in Stuttgart gerne an Schlangen von Kindern, die alle nur ein einziges Autogramm oder Foto mit Nguyen wollten: „Das war überwältigend“.

Doch diese vergangene Begeisterung spürt die heutige Stuttgarterin in der Gegenwart kaum mehr. Das liege aber nicht an dem viel gescholtenen Nachwuchs. Die 65-Jährige sieht das Problem viel eher bei den Massenmedien. Sie verweist exemplarisch auf den vergangenen EnBW DTB Pokal und die „fehlende mediale Präsenz“ durch die Rundfunksender. Bis auf einige Social Media-Beiträge wurde über die nationale Veranstaltung der obersten Gütekategorie nicht berichtet. Diese Entwicklung macht die Juristin „extrem traurig“ und schade dem Turnsport. Weniger Aufmerksamkeit, weniger Nachwuchs, weniger Mitglieder in Vereinen. Der Zusammenhang zwischen Leistungs- und Breitensport ist für Zeitler unzertrennlich.

Frauenquote in Sportvereinen gefordert

Zeitler war beim MTV die erste Präsidentin in der 180-jährigen Vereinsgeschichte. Dass sie sich einiges erarbeiten musste, erscheint selbstverständlich. Dem anfänglichen Stolz über das Amt kam mit der Zeit die Einsicht, dass Sportvereine wie auch andere Einrichtungen oder Firmen mit gesellschaftspolitischen Themen konfrontiert werden. Zeitler setzte sich in diesem Zusammenhang etwa für die Frauenquote auf Führungsebene in Sportvereinen ein – angelehnt an den Deutschen Olympischen Sportbund. Erfolglos. Das macht sie noch heute traurig, sieht sie doch weiterhin eine große Diskrepanz zwischen den Geschlechtern, die in der Führungsebene wichtige Positionen bekleiden.

Pessimistisch ist sie trotzdem nicht und blickt bereits gen Zukunft. Weitere Entwicklungen im Turnsport sind erkennbar. So nimmt das Thema der Ganzkörperanzüge einen immer größeren Raum ein. Wie auch die von vielen geforderte Hochsetzung der Altersgrenze bei Seniorenveranstaltungen auf 18 Jahre. Ebenfalls nicht unter den Tisch fallen lassen dürfe man die Missbrauchsvorwürfe im (Turn-)Sport sowie in anderen Sportarten. Für all diese Punkte lohne es sich, zu kämpfen, um den Turnsport wieder weiblicher zu machen, so Zeitler. Sie wünsche sich, dass die Athletinnen wieder an die Stelle kommen, wo sie ihren „hochkomplexen und trainingsintensiven Sport genießen können“.

Aller Anfang ist das Kinderturnen

Die Grundlage für die Turnstars für morgen sieht die ehemalige MTV-Präsidentin im Kinderturnen. Bereits in ihrer Anfangszeit beim MTV hat sie schnell gemerkt, wie wichtig Kinderturnen ist: „Dadurch erlenen junge Menschen ihre körperlichen Grundkompetenzen, die später als Basis für weitere Sportarten dienen.“ Obwohl sie selbst von Hause aus keine Turnerin ist, nahm sie ihre eigenen zwei Kinder ins Kinderturnen mit. „Mal freiwilliger, mal weniger freiwillig“, sagt sie.

Wichtig ist für sie zudem der Wettkampfcharakter, der öffentlich immer häufiger in Frage gestellt wird. Für die 65-Jährige aber der falsche Weg, denn dadurch würden Kinder ebenfalls Werte vermittelt bekommen und sich gegenseitig mit mehr Respekt begegnen sowie gleichzeitig mehr Wertschätzung erhalten für das, was sie tun.

Alles in allem blickt Zeitler auf eine spannende zehnjährige Amtszeit zurück, die sich mit ihrem eigentlichen Job gut vereinbaren ließ. Im Schnitt habe sie 25 Stunden pro Woche für den MTV gearbeitet. Eine ganze Menge von außen betrachtet. Für die Juristin kein Problem. Ihre zwei Kinder standen auf eigenen Füßen, ihr Job brachte ausreichend Flexibilität, sodass Zeitler sich viel um die Entwicklung ihres MTV kümmern konnte. Nicht verwunderlich, dass in der Phase nicht immer Zeit geblieben ist, um auf eine ausreichende Bewegungszeit zu kommen, erzählt die 65-Jährige.

Doch wo ein Wille, dort auch ein Weg. Mit Sonntagssport und allgemeinen Fitnessangeboten hielt und hält sich die zweifache Mutter auch weiterhin in Form und kommt so auf die von der Weltgesundheitsorganisation vorgeschriebene moderate bis intensive Bewegungszeit von mindestens 150 Minuten pro Woche. Da ist er wieder, der Weitblick und die Präzision, die die ehemalige Präsidentin bei all der Arbeit nie verloren hat.

Zur Person

Ulrike Zeitler war von 2012 bis 2022 die erste Präsidentin beim MTV Stuttgart und zuständig für die Vereinsentwicklung. In ihrer zehnjährigen Amtszeit sind ihr vor allem die Turn- und Volleyballerfolge bei Deutschen Meisterschaften im Kopf geblieben.

weitere News

Trampolin-Weltcup in Baku als vorletzte Chance

Die Trampolinturner Leonie Adam und Matthias Pfleiderer (beide MTV Stuttgart) kämpfen beim Weltcup in Baku vom 23. bis 25. Februar um die...

Weiterlesen

Sports Youth Connected: Mitmachangebote, Jobmesse, Workshops

Beim Sports Youth Connected, initiiert von der Württembergischen Sportjugend und der STB-Jugend, vom 25. bis zum 27. April ist viel geboten. Ab sofort...

Weiterlesen

Landesturnfest: Anmeldungen noch bis 28. Februar möglich

Nur noch wenige Tage bis zum Anmeldeschluss fürs Landesturnfest in Ravensburg und im Schussental. Jetzt schnell anmelden!

Weiterlesen