Peter Martin Thomas bei seinem Vortrag beim Sportkongress Stuttgart 2019. | Foto:Chen

Es gibt für mich eine Zeit vor Corona und eine Zeit nach Corona

Wieso Menschen in Zeiten von Corona besonders verunsichert sind und wie man ihnen diese Unsicherheit nehmen und wieder mehr Selbstvertrauen mit auf den Weg geben kann, darüber haben wir mit Peter Martin Thomas, Consultancy Partner SINUS Markt- und Sozialforschung GmbH und Leiter von praxis – institut für systemische beratung süd oHG, gesprochen.

Herr Thomas, die Corona-Pandemie verunsichert und verbreitet Sorge. Wieso?

Es gibt derzeit viele Gründe ernsthaft Sorge zu haben. Nicht nur die Gesundheit spielt dabei eine Rolle, sondern zum Beispiel auch die Sorge um den Job. Bezogen auf die Gesundheit haben wir die Sorge, uns zu infizieren und andere Menschen in unserem Umfeld anzustecken.
Ebenso herrscht eine hohe Unsicherheit, da wir so viele und unterschiedliche Informationen erhalten. Wir können die Aussagen der Virologen nicht überprüfen, teilweise widersprechen sie sich. In Social Media kursieren viele Gerüchte, deren Wahrheitsgehalt oft gering ist. Darüber hinaus ist das Virus nicht sichtbar oder greifbar. Viele Menschen zeigen kaum Krankheitssymptome. So fällt es uns schwer, nachzuvollziehen,
wie sich das Virus entwickelt. Wir müssen die Gründe, die die Sorge auslösen können im Blick behalten und uns dabei oft auf Experten und Politik verlassen. Das fällt vielen Menschen nicht leicht und das wiederum löst weitere Verunsicherung und Sorge aus.

Wie wirkt sich die momentane Situation und die verbreitete Sorge auf Kinder aus?

Für kleinere Kinder ist die momentane Situation ganz schwer zu verstehen. Sie sehen nur, dass Mama und/oder Papa viel zuhause sind und freuen sich darüber. Gleichzeitig sehen sie, dass ihre Eltern dennoch keine Zeit zum Spielen haben und sind verwirrt. Für viele Eltern ist die momentane Situation ebenfalls überfordernd. Alles unter einen Hut zu bekommen und mit den Kindern den ganzen Tag in der Wohnung oder dem Haus zu sein ist oft nicht leicht. Die meisten Sozialkontakte der Kinder sind von heute auf morgen komplett weggebrochen. Die Schulen, Kindertagesstätten und Vereine hatten geschlossen und das Treffen von Freunden wurde untersagt. Erwachsene können das mithilfe von sozialen Netzwerken kompensieren und rational verarbeiten. Kinder können das nicht so gut. Sie leiden unter der Situation und können es teilweise nicht ganz begreifen. Allerdings haben wir auch viel Positives aus den Familien gehört. Die Eltern haben nun mehr Zeit, um mit ihren Kindern zu spielen oder ihnen bei den Hausaufgaben zu helfen. Es ist wichtig auch diese Seite zu sehen.

Wie gehen Sie persönlich mit der aktuellen Situation um?

Für mich hat sich einiges geändert. Ich war schon lange nicht mehr so viel zuhause wie momentan. Vor Corona war ich häufig die ganze Woche unterwegs. Jetzt habe ich meine Arbeit über Nacht umgestellt. Meine
Weiterbildungen finden so weit wie möglich digital statt. Das digitale Angebot hat natürlich zwei Seiten: Es ist toll, dass die Angebote digital realisiert werden können, aber es ist auch schade, dass man sich nicht
mehr persönlich trifft und austauschen kann. Ich hatte zwar keine Zeit meinen Keller auszusortieren, allerdings hatte ich Zeit, um mich zu sortieren und mir Gedanken zu machen. Ich habe zum Beispiel festgestellt, was mir wichtig ist, worauf ich verzichten kann oder wie ich wieder besser mit meinen Eltern und Freunden in Kontakt bleiben kann. Ich habe viel über die eigene Angst gelernt, auch durch den Austausch mit anderen Menschen.
Es gibt für mich eine Zeit vor Corona und eine Zeit nach Corona. Ich werde nach Corona einige Dinge anders machen als zuvor, beispielsweise bei (Geschäfts-)Reisen.

Übungsleiter wollen keine Kurse anbieten, weil ihnen die Verantwortung zu groß ist. Dabei haben sie vor der Pandemie ebenfalls große Verantwortung übernommen. Können Sie dieses Phänomen erklären?

Die Verantwortung, die sie bereits vor der Pandemie übernommen haben, kannten sie. Da sind sie hineingewachsen. Sie konnten sich mit anderen Übungsleitern austauschen, wie die mit bestimmten Situationen
und Risiken umgegangen sind. Sie haben gelernt, wie sie zum Beispiel Verletzungen verhindern können.
Sie haben aber nicht gelernt, wie man sich vor einem noch in vieler Hinsicht unbekannten Virus im Sport schützt. Dafür gibt es keine vergleichbaren Beispiele oder Modelle. Die Erfahrung fehlt und die Übungsleiter
müssen allmählich herausfinden, wie sie der Verantwortung am besten gerecht werden und sich dem langsam annähern. Ein Faktor, der dabei die Unsicherheit schürt, ist das fehlende Wissen. Es ist immer noch nicht klar, wie ansteckend zum Beispiel Kinder sind oder wie sich Menschen, die bereits infiziert waren, erneut anstecken können.
Die Übungsleiter brauchen also Leit- und Zeitlinien, um sich langsam dem Alltag anzunähern. Das ist wie bei einer Turnübung. Dabei fängt man auch nicht mit dem schwierigsten an, sondern mit einfachen kleinen
Übungen. Wenn diese Übung gut funktioniert, geht man einen Schritt weiter. Genauso müssen die Übungsleiter in dieser Situation vorgehen und sich langsam dem veränderten Alltag annähern. Dabei ist es wichtig zu klären, was der Übungsleiter benötigt, um die Sicherheit zu bekommen und die Verantwortung zu übernehmen. Neben der Vereinsführung ist insbesondere die Resonanz der Eltern elementar.

Wie kann man Übungsleitern die Verunsicherung nehmen?

Das ist vor allem eine Kommunikationsaufgabe. Die Übungsleiter müssen die Möglichkeit haben ihre Sorgen zu schildern, da Angst immer subjektiv ist. In Gesprächen muss geklärt werden, was den Übungsleitern Sorge bereitet und wie diese Sorge minimiert werden kann. Die einen haben Angst, dass sie andere Menschen anstecken, da sie erkältet sind, die anderen haben Angst in geschlossenen Räumen zu arbeiten. Manche haben vielleicht auch gar keine Angst und fühlen sich durch die Sorgen der anderen ausgebremst.
Ebenso brauchen die Übungsleiter viel Rückendeckung. Sowohl von den Vereinsvorständen als auch von Übungsleiterkollegen und Eltern. Diese Personengruppen müssen den Übungsleitern vermitteln, dass sie nicht alleine dastehen und sie die Verantwortung nicht alleine schultern müssen.

Wie sieht es mit der Schuldfrage aus? Wenn sich jemand im eigenen Kurs ansteckt, trage ich dann die Schuld? Und wie kann ich das mit meinem Gewissen vereinbaren?

Das ist eine ganz schwierige Frage. Schuld ist vielleicht nicht das richtige Wort. Für mich geht es dabei eher um verantwortliches Handeln. Ich muss prüfen, ob ich keinen Kontakt mit Menschen hatte, die infiziert sind oder sein könnten, ob ich selbst keine Erkältungssymptome habe und ob ich mich an die Hygieneregeln und Abstandsvorschriften gehalten habe. Kann ich all das mit ja beantworten, kann ich guten
Gewissens mit anderen Menschen zusammen sein. Infiziere ich mich – und womöglich andere – dennoch, ist das dem Restrisiko geschuldet. Dieses verbleibende Risiko tragen alle gemeinsam, die sich mit anderen
Menschen zur Arbeit oder in der Freizeit treffen. Es ist nicht sinnvoll, einer einzelnen Person, die verantwortlich gehandelt hat, die Schuld zuzuschieben.
Übertragen auf eine Kurssituation sehe ich das so: Gibt es klare Verhaltensregeln, halte ich mich an diese und weise ich die Teilnehmer auf die Verhaltensregeln hin, handele ich verantwortungsvoll. Hält sich einer der Teilnehmer, trotz meiner Hinweise, nicht daran, kann diese Person nicht weiter teilnehmen. Es ist jedoch nicht meine Verantwortung, wenn sie sich – trotz meines Eingreifens – durch ihr Verhalten einem höheren Risiko aussetzt.

Was ist Ihr Tipp, um das Vertrauen zu anderen, aber auch zu sich selbst zu stärken?

Es muss die eigene Wahrnehmung ernstgenommen werden. Dabei höre ich in mich selbst hinein und finde heraus, welche Gedanken und Gefühle habe ich, die ich nicht einfach zur Seite schieben kann. Ich gestehe
mir die Unsicherheit, die noch da ist, zu, aber werde mir auch der Sicherheit bewusst, die ich habe und wage entsprechend wieder mehr. Ich vertraue darauf, dass ich mich kenne und mir die Risiken bewusst sind.
Um das Vertrauen in andere Menschen zu stärken, muss ausgehandelt werden, was die Personen brauchen, um sich gegenseitig vertrauen zu können. Was sind die Bedürfnisse der Personen und wie kommen diese Personen zusammen.
Bei einer Kinderturnstunde vertrauen die Eltern dem Übungsleiter. Damit dieses Vertrauen möglich ist, muss zuvor geklärt werden, was das Kind machen darf und was nicht. Es müssen Absprachen getroffen und reflektiert werden, damit dieses Vertrauen aufgebaut werden kann.

Was wird sich Ihrer Meinung nach in Zukunft im Umgang der Menschen untereinander ändern?

Das Thema Pandemie wird uns weiterhin im Alltag begleiten. Zwar nicht mehr so präsent wie jetzt, jedoch bleibt diese Zeit in unseren Hinterköpfen verankert. Die nächste Pandemie trifft uns dann nicht mehr
so unvorbereitet. Wir haben aus dieser Pandemie gelernt und wissen, dass es immer wieder auftreten kann. Wir wissen nun besser, wie wir in einer solchen Situation reagieren müssen und können Rückschlüsse
aus dieser Pandemie nutzen, um die nächste Pandemie besser zu meistern.
In Zukunft werden wir bestimmt auch einige Verhaltensweisen ändern und bestimmte Dinge nicht mehr tun oder auch bewusster tun. Ich hoffe jedoch sehr, dass wir nicht zu sehr auf die Kontrollseite verfallen. Es gibt bereits genug Kontrollen, die unseren Alltag bestimmen, da brauchen wir nicht noch mehr. Die Pandemie hat auch gezeigt, dass die überwiegende Mehrheit der Menschen aus eigenem Antrieb Vernünftig handelt.
Ich hoffe, dass wir Vertrauen zurückgewinnen und nicht direkt Angst bekommen, wenn sich zum Beispiel viele Menschen treffen. Wir müssen dahin zurück, dass wir davon ausgehen, dass es nicht gleich gefährlich
wird, wenn wir uns mit anderen Menschen treffen.
Allerdings haben wir auch das Recht ein wenig traurig zu sein. Wir mussten in diesem Jahr auf vieles verzichten. Konzerte wurden abgesagt, Hochzeiten mussten verschoben werden, sportliche Großereignisse wurden abgesagt oder verschoben. Viele haben ihren Job verloren oder bangen weiterhin um ihre Existenz. Aus diesem Grund dürfen wir auch traurig sein.

Was können wir Positives aus der momentanen Situation ziehen?

Wir hatten viel Zeit, um zu schauen, was uns wichtig ist. In den letzten Monaten lebten wir bewusster und haben festgestellt, dass wir nicht immer Action brauchen. Familie und Beziehungen haben an Bedeutung
gewonnen und es wurden neue Wege gefunden, um Kontakt zu halten. Es gab viel Solidarität in den letzten Monaten. Ich hoffe, dass es einen ökologischen Fortschritt gibt und weite Reisen mit dem Flugzeug
oder Auto reduziert werden.
In den letzten Monaten ist eine neue Grundhaltung entstanden und wir wurden achtsam für die eigene Gesundheit und für die Gesundheit unserer Mitmenschen.
Für die Digitalisierung war es ebenfalls positiv. Zuletzt standen meist negative Auswirkungen der Internetnutzung im Fokus. Nun haben wir bemerkt, dass vieles über das Internet möglich ist und das Medium viele positive Seiten hat.

 

 

 

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