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Raum für Spiel, Bewegung und Sport

„Lasst uns (was) bewegen!“ ist das Motto des Deutschen Kinderhilfswerkes für den Weltspiel-tag am 28. Mai 2021. Im Rahmen des „Bündnis Recht auf Spiel“ unterstützt die Deutsche Sportjugend den Weltspieltag mit Fokus auf Bewegung. Der Weltspieltag ist ein internationaler Aktionstag, an dem Kinder und Jugendliche auf ihr Recht auf freies Spiel aufmerksam ma-chen, das ihnen im Artikel 31 der UN-Kinderrechtskonvention garantiert ist.

Die Konvention bezieht sich ausdrücklich auf das freie Spiel von Kindern als selbstinitiierte Aktivität, die aus eigener Motivation und freiwillig von Kindern ausgeführt wird. Die wesentlichen Merkmale des Spiels sind Vergnügen, Unbestimmtheit, Herausforderung, Flexibilität und Nicht-Produktivität. Kinder spielen aus eigenem Antrieb ohne einen unmittelbaren Zweck zu verfolgen. Auch wenn Spiel deshalb von Erwachsenen häufig als weniger wichtig betrachtet wird, erkennt die UN die Bedeutung des freien Spiels für das Wohlbefinden von Kindern und ihre psychische, soziale und körperliche Entwicklung ausdrücklich an.

Wenn wir uns anschauen wie und was Kinder spielen, dann staunen wir über die vielfältigen Formen und Möglichkeiten, mit denen Kinder sich spielerisch die Welt aneignen. Sie sind ungeheuer kreativ und können fast alle Dinge und Gelegenheiten zum Spiel nutzen. Ein großer Teil der spielerischen Aktivitäten hat mit Bewegung zu tun. Kinder besitzen einen ausgeprägten Bewegungsdrang und haben eine natürliche Freude am Hüpfen, Rennen, Balancieren und Klettern. Kinder sind auch gerne auf Rädern und Rollen unterwegs, vom Dreirad über den Roller bis hin zu Skateboards und Inlinern. Bewegung gibt ihnen ein Gefühl der Selbstwirksamkeit und gerne probieren sie ihre Grenzen aus, erweitern sie Stück für Stück, aber gehen eigentlich nicht über sie hinaus. Diese Gelegenheiten machen Kinder sicherer und stärken ihre Risikokompetenzen. „Fallen lernt man nur durch Fallen“ - die Analogie zum Sport ist offensichtlich.

Angesichts dieses natürlichen Spiel- und Bewegungsdrangs von Kindern ist es überraschend und auch erschreckend, wenn man einen Blick auf die wissenschaftlichen Studien zur Bewegungssituation von Kindern richtet. Nach den aktuellsten Ergebnissen der »KIGGS-Studie zur Gesundheit von Kinder und Jugendlichen in Deutschland« erreichen lediglich 25,4 % der Mädchen und 29,4 % der Jungen im Alter von 3 bis 17 Jahren die Bewegungsempfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die von täglich mindestens 60-minütiger Bewegung in mäßiger bis kräftiger Intensität ausgehen. Auch die Screenings der motorischen Kompetenzen in den Schuleingangsuntersuchungen zeigen deutliche Defizite auf. Die Ergebnisse des Landesgesundheitsberichtes Baden-Württemberg aus dem Jahr 2019 zeigen, dass landesweit 27 % der 5-Jährigen Auffälligkeiten in der Körpermotorik haben und 10 % der 4- bis 5-Jährigen Hinweise auf eine visuomotorische Störung zeigen. Die Visuomotorik betrifft die Koordination von visueller Wahrnehmung und körperlicher Bewegung, wie etwa das Auffangen eines Balles oder das Nachmalen von Zeichen.

Wenn man über die möglichen Ursachen des Bewegungsmangels diskutiert, werden sehr häufig individuelle Verhaltensursachen in den Fokus gerückt. Die Kinder und Jugendlichen hätten kein Interesse mehr an freiem Spiel und Bewegung, sie verbrächten ihre Zeit lieber mit Medien und im Internet und sie hätten auch keine Lust Sport zu treiben. Es scheint sehr einfach zu sein, den Kindern und Jugendlichen die Schuld zu geben. Allerdings wird zunehmend deutlicher, dass all diese Gründe nicht wirklich ursächlich sind und wir es hier vor allem mit einem Problem der Verhältnisse und nicht des Verhaltens zu tun haben. Kinder und Jugendliche haben schlichtweg immer weniger Zeit und Räume für Spiel und freie Bewegung. Für den Zeitraum des ersten Corona-Lockdowns im Frühjahr 2020 liegen inzwischen Daten zum Bewegungsverhalten aus der Sportwissenschaft vor. Tatsächlich hat sich die Bildschirmzeit in der Freizeit bei den Kindern und Jugendlichen um etwa eine Stunde erhöht. Das hat aber nicht zu einer Abnahme der Bewegungszeit geführt. Vielmehr hat sich der Anteil der Kinder, die die WHO-Bewegungsempfehlungen erreichen in der Pandemie sogar deutlich erhöht. Bei den Jungen von 21,4% auf 34,0 % und bei den Mädchen von 16,4% auf 26,3%. Allerdings zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den Wohngebieten. In Städten über 100.000 Einwohnern hat sich die Zeit für „draußen spielen“ kaum erhöht. Kinder, die Zugang zu einem Garten hatten, haben durchschnittlich etwa eine halbe Stunde (+ 35,4 Minuten) länger draußen gespielt. War kein Garten vorhanden, nahm die Zeit für freies Spiel hingegen ab. Kinder, die wegen schlechter Wohnumfeldbedingungen bereits vor Corona in ihren Bewegungsmöglichkeiten eingeschränkt wurden, waren von der Pandemie deutlich stärker betroffen.

Auch unser Forschungsschwerpunkt „Raum für Kinderspiel!“ zeigt sehr eindrucksvoll, welchen starken Einfluss die Wohnumfeldverhältnisse auf das freie Spiel und die Bewegung von Kindern haben. Im Auftrag des Deutschen Kinderhilfswerkes haben wir eine umfassende Studie in Kooperation mit fünf Städten Baden-Württembergs durchgeführt. Durch eine Befragung der Eltern von über 5000 Kindern im Alter von 5 bis unter 10 Jahren konnten wir differenzierte Informationen über den Kinderalltag und die familiären Kontexte erhalten. Damit kombiniert wurde eine systematische Inventarisierung des Wohnumfeldes im Hinblick auf die Bebauungsstruktur, die Verkehrssituation und die Erreichbarkeit von Spielräumen und Grünflächen. Zusätzlich wurden Begehungen der Wohnquartiere mit Kindern durchgeführt. Dabei stellt sich heraus, dass es kaum einen Faktor gibt, der den Alltag und die Entwicklung von Kindern mehr beeinflusst, als die räumliche Gestaltung des Wohnumfeldes und die damit verbundenen Möglichkeiten zum freien Spiel.

Wir haben eine Skala entwickelt, mit der wir die Aktionsraumqualität des Wohnumfeldes messen können (Abbildung 1). Stadtquartiere mit sehr guter Aktionsqualität zeichnen sich durch eine konsequente Verkehrsberuhigung und eine gute Erreichbarkeit von Spiel- und Grünflächen aus. Hier können nahezu alle Kinder unbeaufsichtigt draußen spielen und tun dies auch. Die von uns untersuchten Kinder verbrachten durchschnittliche 108 Minuten Zeit mit freiem Spiel. Drastischer ist der Unterschied zu den Stadtgebieten mit sehr schlechten Wohnumfeldbedingungen. Hier lag die Zeit für freies Spiel bei gerade einmal einer Viertelstunde (16 Minuten). Diese Zahlen zeigen, dass Kinder eigentlich sehr gerne draußen spielen, wenn ein kinderfreundliches Wohnumfeld ihnen dies auch möglich macht.

Kinder treiben auch gerne Sport. Nach den Ergebnissen des Kindergesundheitssurveys treiben fast drei Viertel (73,0 %) der 3- bis 17-jährigen Kinder und Jugendlichen in Deutschland in ihrer Freizeit Sport. Ein Zeitreihenvergleich von 2003 bis 2017 zeigt, dass die Zeit für Sport in Schule und Verein zugenommen hat, während die Zeit für unorganisiertes Sporttreiben und Spielen im Freien deutlich geringer geworden ist. Unsere Aktionsraumstudien zeigen zudem, dass organisierte Sport- und Bewegungsangebote stärker von Kindern in Anspruch genommen werden, die ohnehin über gute Aktionsraummöglichkeiten verfügen. Dieser Matthäus-Effekt (»Wer hat, dem wird gegeben«) gilt auch häufig für die Spielplätze. Eine gute Ausstattung an Spielplätzen findet sich meist in jenen Gebieten, in denen Kinder ohnehin im unmittelbaren Wohnumfeld gute Spielmöglichkeiten haben.

Was sind mögliche Folgerungen dieser Ergebnisse? Wir sollten uns (nicht nur) am Weltspieltag dafür einsetzen, dass Städte kinderfreundlich gestaltet werden. Dazu gehört die ausreichende Schaffung von Spiel-, Bewegungs- und Grünflächen und vor allem auch eine konsequente Verkehrsberuhigung. Ein wichtiger Aspekt ist dabei auch die Schaffung einer bewegungsfördernden Stadt. Hier haben die Sportverbände und Sportvereine eine besondere Kompetenz und sollten sich unbedingt für die Schaffung von freien Spiel- und Bewegungsmöglichkeiten im öffentlichen Raum, aber auch in Schulen, Kindertagesstätten und Jugendeinrichtungen einsetzen. Es gibt hier eine Fülle an Möglichkeiten und positiven Beispielen für eine kinderfreundliche Stadtentwicklung. Das Bündnis „Recht auf Spiel“, in dem auch die Deutsche Sportjugend vertreten ist, setzt sich dafür ein. Es bildet ein interdisziplinäres Netzwerk aus Fachkräften unterschiedlicher Berufe, Institutionen und Organisationen mit dem Ziel, eine Lobby für Kinder und Jugendliche zu sein (www.recht-auf-spiel.de). Der Schwäbische Turnerbund, sowie die Kinderturnstiftung Baden-Württemberg möchten sich ebenfalls diesem Bündnis anschließen und die Bedeutung der Turn- und Sportvereine, sowie der Bewegung für die kindliche Entwicklung voranbringen.

Autor

Prof. Dr. Peter Höfflin lehrt an der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg in den Studiengängen Soziale Arbeit und Frühkindliche Bildung und leitet das Institut für Angewandte Forschung. Er ist wissenschaftliches Mitglied im Beirat des „Bündnis Recht auf Spiel“ und hat seinen Forschungsschwerpunkt in der kinderfreundlichen Stadtentwicklung.

Aufruf Weltspieltag

Der Weltspieltag 2021 wird deutschlandweit zum 14. Mal ausgerichtet. Zum Weltspieltag sind Schulen und Kindergärten, öffentliche Einrichtungen, Vereine und Nachbarschaftsinitiativen aufgerufen, in ihrer Stadt oder Gemeinde eine beispielgebende oder öffentlichkeitswirksame Aktion durchzuführen – egal ob Spiel-, Beteiligungs- oder Protestaktion. Denn der Aktionstag dient ebenso der Lobbyarbeit für das Recht auf Spiel. Die Partner sind vor Ort für die Durchführung ihrer Veranstaltung selbst verantwortlich. Das Deutsche Kinderhilfswerk stellt umfangreiche Aktionsmaterialien zum Weltspieltag zur Verfügung. Weitere Informationen unter www.weltspieltag.de.

Abbildung 1

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