PERSÖNLICHkeiten: das nimmermüde Backnanger Turn-Urgestein

In der aktuellen Ausgabe des STB Magazins wird dieses Mal Claudia Krimmer porträtiert. Bis Oktober dieses Jahres war sie zehn Jahre lang im Hauptamt ihres Heimatvereins TSG Backnang als Geschäftsführerin aktiv. Daneben kommen mehr als 50 Jahre Ehrenamt dazu.

Anfangs war es nur die Aufregung, irgendwann entwickelte sich daraus ein Tick. Claudia Krimmer konnte nicht mehr zuschauen, als ihr Sohn Sebastian zu seiner aktiven Zeit turnte. Da half es sogar nicht, dass er bei den Olympischen Spielen 2012 in London gut vorbereitet an den Start ging. Die heute 66-Jährige war einfach zu aufgeregt, verließ die Halle. Auch wenn sie sich damals das Ziel gesetzt hatte, doch in der Halle zu bleiben.

Der Grund ihres ungewöhnlichen Verhaltens: Sie hatte die Trainingsverletzung von Ronny Ziesmer 2004 erlebt. Seitdem machten ihre Nerven nicht mehr mit, wenn ihr Sohn vor ihren Augen turnte. Jede kleinste Bewegung analysierte die selbst ehemalige Turnerin. „Ich konnte erkennen, wenn Sebastian Fehler im Bewegungsablauf hatte“, erklärt Krimmer heute. Dieses Wissen verbunden mit der Angst vor einem schweren Sturz resultierten letztlich in dem Tick. „Basti wusste Bescheid und hat das akzeptiert, da er wusste, dass es mir dadurch besser ging“, berichtet die 66-Jährige. Glücklicherweise blieb es ausschließlich bei der Angst. Ihr Sohn beendete 2020 seine erfolgreiche Karriere – ohne größere Verletzungen.

Spagat ist das Ziel

Krimmer ist Turnerin durch und durch. Mit vier fängt sie mit Kinderturnen bei der TSG 1848 Backnang an. Zwei Jahre später steht in Aussicht, den Sprung in die Fördergruppe zu schaffen. Alles, was Krimmer zeigen muss: einen Spagat. Sie trainiert wie eine Verrückte, schafft es in die Gruppe und turnt bis sie 14 ist. Danach wechselt sie ins Ehrenamt und bleibt dem Turnsport bis heute verbunden – aus blanker Überzeugung: „Turnen ist der schönste Sport der Welt.“

Die gebürtige Backnangerin sieht in der Turn-Welt aber nicht alles rosig. Vor allem in Nachwuchsfragen blickt sie skeptisch in die Zukunft. „Viele Nationen haben uns überholt“, sagt sie. Neben größeren Ländern wie Großbritannien oder Italien seien mittlerweile aber auch die kleineren Teams wie Schweiz besser aufgestellt als Deutschland. Einen zentralen Grund sieht sie in der Finanzierung. Viele Nationen seien inzwischen deutlich zuschussfreudiger als hierzulande. Die Folge: Fehlender Nachwuchs und ausbleibender Erfolg. Deshalb wünscht sich die 66-Jährige ein generelles Umdenken. Stets im Blick: Was machen die anderen besser?

Es könne nicht sein, dass unser Leistungssystem auf zwei Arten aufgebaut ist: Bundeswehr oder Polizei sowie eigenes Ausnahmetalent wie Fabian Hambüchen. Wer nicht so gut ist wie Hambüchen kämpft darum, über die Runden zu kommen. Die Strukturen müssen also angepasst werden, dass möglichst viele Athleten abgeholt und vor allem motiviert werden. Nur mit ausreichend Motivation und Anreizen können sportliche Höchstleistungen erbracht werden.

Mehr Anreize schaffen

Was auf Spitzensportbasis noch viele Wünsche offen lässt, funktioniere dagegen auf Breitensporteben sehr gut. „Wir fangen viele Kinder auf, die den Sprung in den absoluten Leistungsbereich nicht schaffen“, stellt die Backnangerin fest. Jedoch sind die Auffangmöglichkeiten endlich. Sie sind in erster Linie an physische Ressourcen gekoppelt. Wie viele Übungsleitende habe ich zur Verfügung? Wo kann ich trainieren? Allein diese beiden Fragen bringen inzwischen in Deutschland den Turnsport oft an seine Kapazitätsgrenzen. Deshalb sei es in Zukunft unglaublich wichtig, weiter Menschen fürs Ehrenamt zu gewinnen. „Auch hier müssen wir Anreize schaffen, damit sich wieder mehr engagieren“, fordert die 66-Jährige.

Engagement lebt Krimmer selbst vor. Bis Oktober dieses Jahres war sie zehn Jahre lang im Hauptamt ihres Heimatvereins TSG Backnang als Geschäftsführerin aktiv. Daneben kommen mehr als 50 Jahre Ehrenamt dazu. Bis heute ist sie stellvertretende Turnabteilungsleiterin sowie Fachwartin GYMWELT. Obendrein agierte sie 40 Jahre als Trainerin im Förderturnbereich und war parallel als Kampfrichterin unterwegs. Eine beeindrucke Laufbahn, die noch nicht zu Ende ist. Noch heute ist sie als Übungsleiterin aktiv. Nicht mehr Gerätturnen, dafür aber im Gesundheitssport.

13 Jahre beim STB

Darüber hinaus ist sie um die Nullerjahre auch beim Schwäbischen Turnerbund im Bildungsbereich aktiv. Insgesamt 13 Jahre verbringt sie auf der Geschäftsstelle und lernt den Fachverband gut kennen. „Der STB ist ein guter Arbeitgeber, bei dem ich viel lernen durfte“, blickt sie heute auf ihre damalige Zeit zurück. Sie erinnere sich noch gerne an die „tollen Kollegen“ zurück sowie die „zahlreichen Gespräche, Weiterbildungen und Fortbildungen, die mir ermöglicht wurden“.  Ein Wechsel in den Leistungssportbereich am Kunst-Turn-Forum bleibt ihr zwar verwehrt. Der damalige Geschäftsführer Robert Baur wollte sie einfach nicht aus dem Bildungsteam verlieren.

Ihren Wunsch nach Leistungsturnen bekommt sie letztlich aber dennoch: Zu der Zeit, als sie ihren Sohn regelmäßig zum Training bringt, kommt sie eines Tages über Martin Kling ins Teammangement des frisch gegründeten MTV Stuttgart. Von da an zeichnet sie sich für die männlichen und weiblichen Turnteams verantwortlich. Ein guter Kompromiss mit ihrer täglichen Arbeit beim STB, den sie über Jahre so praktizierte.

In diesem Jahr folgte nun der Schlussstrich aus dem Hauptamt. Ein Grund hierfür seien die immer zunehmenderen bürokratischen Hürden, erklärt die 66-Jährige. Das raubt Kräfte und zehrt an der Leistungsbereitschaft. Doch ein neuer Geschäftsführer wurde schon gefunden und so kann das Backnanger Turn-Urgestein wohlverdient in den „Ruhestand“ rücken.

Wer Claudia kennt, weiß, dass es mit der Ruhe wenig gemein hat. Dafür steht sie nach wie vor zu gerne in der Turnhalle, liebt ihren Sport zu sehr und hat auch sonst einiges um sich herum. Da wären zum Beispiel ihre drei Enkelkinder, die sie auf Trapp halten. Oder auch ihre seit Corona entdeckte Leidenschaft fürs Brot backen.

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