Obwohl sie als Athletin der Rhythmischen Sportgymnastik bei den Olympischen Spielen 1996 in Atlanta war, konnte und kann Kristin Sroka auch heute keinen Salto. Vor 30 Jahren sei die RSG noch nicht „so akrobatisch gewesen“, sagt die 48-Jährige. Nach kurzer Überlegungszeit glaubt Sroka jedoch nicht, dass das heute groß anders ist: „Ich glaube, einen Salto kann heute auch keine RSG-Athletin.“
Die Olympiateilnehmerin von 96 bedauert es aber nicht, das „coole“ Element nie gelernt zu haben. „Ich fand es voll gut, dass wir uns mit unserer Sportart vom klassischen Gerätturnen unterschieden haben“, blickt sie auf die damalige Zeit zurück. Zu keiner Zeit hätte sie mehr Elemente vermisst. „Was willst du denn noch alle mittrainieren?“, fragt sie heute. Der Trainingsplan sei vollgespickt mit tänzerischen und künstlerischen Inhalten gewesen inklusive körpertechnischen und gerätetechnischen Elementen, Krafttraining, Ballett. Kein Platz für weitere.
Die eigene Note miteinbringen
Sroka wächst in Leipzig auf, wechselt mit acht Jahren mit ihrer Familie nach Ulm. Mit 13 folgt der Umzug nach Fellbach-Schmiden an den Bundesstützpunkt Rhythmische Sportgymnastik. Ihr zweites Zuhause findet sie bei der Familie Bürkle. Damals leiten Michael Bürkle und seine Frau Ingrid Bauer-Bürkle den Stützpunkt. In der Landeshauptstadt legt sie den Grundstein für ihre späteren Erfolge. Ihr Lieblingsgerät wird der Ball. Damit liebt sie es, weiche Bewegungen auszuführen, das Gerät durch die Luft zu werfen und dabei eine poetische, individuelle Note einzubringen.
Diese Individualität habe seitdem jedoch stark abgenommen, findet die 48-Jährige heute. Früher seien „richtige Persönlichkeiten auf der Fläche“ gewesen. Jede Athletin hatte ihren eigenen Stil. Die eine quirlig lebendig, die andere anmutig gedacht. Ohne diese sichtbaren Unterschiede heute könne Sroka verstehen, dass Außenseiter sich bisweilen schwertun mit der Sportart. „Die meisten Übungen sind so voll mit Schwierigkeiten, dass für Individualitäten kaum Platz ist“, sagt sie. Selbst sie gibt zu, heute viele Dinge mit dem bloßen Auge bei den Übungen der Mädels nicht mehr zu erkennen.
Beste Gymnastin Deutschlands
Die Erfahrungen in der RSG möchte Sroka aber nicht missen: „Die Sportart war genau das Richtige für mich, was mir gelegen hat.“ Natürlich hat sie das. Nicht einfach so schaffen es Sportler zu (internationalen) Meisterschaften. Im Falle von der 48-Jährigen gelingt ihr sogar der Sprung zu Olympia 1996 ins amerikanische Atlanta. Dort wird sie – wie bei der Weltmeisterschaft ein Jahr zuvor – 16. im Mehrkampf. Ein Riesenerfolg. Ein paar Wochen zuvor holt sie bei der Deutschen Meisterschaft Gold mit dem Band. In dieser Zeit gehören die gebürtige Leipzigerin mit Magdalena Brzeska zu den zwei besten Gymnastinnen Deutschlands. Zum ersten Mal überhaupt fahren zwei deutsche RSG-Athletinnen zu den Olympischen Spielen.
Danach macht Sroka Schluss mit ihrer sportlichen Laufbahn. Ihre Leidenschaft ist damit aber nicht zu Ende. Sie zieht nach Berlin, tritt im In- und Ausland mit tänzerischen Darbietungen auf. Die Gymnastin lernt einen Jongleur und Komiker kennen, daraus gründet sich die Gruppe Vivace mit musikalischer Unterstützung eines kleinen klassischen Orchesters. „In dieser Zeit sind wir sehr viel durch die Welt getourt“, erinnert sich die 48-Jährige. Es folgen Auftritte in ganz Deutschland, Schweden, New York und sogar Simbabwe. Für die ehemalige Leistungssportlerin eine Genugtuung nach ihrer aktiven Laufbahn endlich selbst zu bestimmen, was und vor allem wann trainiert wird. Sie entscheidet selbst und trainiert trotzdem jeden Tag. „Du musst den Leuten ja auch deine Bestleistung abliefern“, erklärt die gebürtige Leipzigerin ihren eigenen Antrieb. Ohne ihre gymnastische Ausbildung hätte sie dieses Abenteuer gar nicht erleben dürfen.
Aus der Großstadt ins Schwabenland
Zur damaligen Zeit gibt es für sie nur Trubel und Action: „Ich dachte, mein Leben ist die Großstadt, wo ständig etwas passiert.“ Doch das ändert sich Schritt für Schritt. Nach ihren Auftritten auf der ganzen Welt arbeitet sie zunächst als Tanzpädagogin, betreut viele Projekte; etwa in Kooperation mit Theatern oder auch Jugendhäusern. Aus der praktischen „Lehre“ rückt sie peu a peu aber immer mehr ins Organisatorische hinein. Und dann landet sie schließlich beim STB. Im Rahmen der Turn-Weltmeisterschaft 2019 in Stuttgart sucht der Schwäbische Turnerbund nach Unterstützung. Der damalige Leiter der Marketing und Event GmbH, Jörg Hoppenkamps, holt Sroka an Bord.
Für die 48-Jährige folgt ein intensives Jahr als „Head of Side Events“. Die ehemalige Gymnastin zeichnet sich für verschiedene Veranstaltungen im Rahmen der WM verantwortlich. Rückblickend habe Sroka deutlich mehr Stunden investiert als veranschlagt. Trotzdem möchte sie auch diese Erfahrung nicht missen. Zumal sie bis zur Anstellung beim STB als Selbstständige gearbeitet hat. Der Sprung in die Verbandsorganisation habe ihr ganz neue Blickwinkel eröffnet.
Mentale Komponente kommt nach wie vor zu kurz
Aus neuen Blickwinkeln betrachtet die ehemalige Gymnastin auch „ihren“ RSG-Sport. Früher hätte sie blind unterschrieben, dass mehr Training immer besser ist. Mittlerweile habe sie etwas Distanz zum Thema und weiß auch die Verbesserungen zu schätzen. Beispielsweise habe sich viel im mentalen Bereich getan. Aber eben auch noch nicht genug. So könne beispielsweise nach wie vor viel trainiert werden, ein Stück der Praxis aber auch in mentale Arbeit investiert werden. Den Körper also mehr schonen, aber trotzdem weitertrainieren. „Ich denke, dass die Sportler mit einer guten Mischung aus körperlichem und mentalem Training keinesfalls schlechtere Leistung und Ergebnisse bringen würden“, glaubt die 48-Jährige.
Diesen Ansatz flächendeckend in die Ausbildung zu bekommen, erfordere einen langen Atem, erwartet Sroka. Das System weise nämlich zum Teil erhebliche Schwachstellen auf, wodurch Sportarten oftmals ihr Potenzial nicht entfalten können.
Die 48-Jährige ist nach ihrer sportlichen Laufbahn allerdings voll zur Entfaltung gekommen. Auf die schon beachtlichen Stationen folgt nun die nächste: eine anvisierte Selbstständigkeit als Coachin. Hierfür schaffe sie gerade die notwendigen Rahmenbedingungen.
Bis zur eigentlichen Umsetzung findet sie in der Nähe von Tübingen mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern die Ruhe, die sie mittlerweile zu schätzen gelernt hat. Von der RSG ist die Leidenschaft fürs Tanzen geblieben, der sie seit kurzem nach einer längeren Unterbrechung wieder nachgeht. Zudem besucht sie gerne Konzerte oder andere künstlerische Veranstaltungen. Wie früher eben nur mit dem feinen Unterschied jetzt: Nicht sie versetzt das Publikum in Staunen, sondern sie selbst wird ins Staunen versetzt.

