Wenn Herbert Aupperle heute mit „seinem Porsche“ daherkommt, ist das Setting nicht so passend, um den 90-Jährigen nach seinen Fertigkeiten für einen Salto zu fragen. Zwar meint Aupperle mit seinem „Porsche“ seinen Rollator, an seinem Erscheinungsbild ändert das aber nichts. Er wirkt für sein Alter sehr gut in Form. Umso überraschender fällt auch die Antwort des ehemaligen Leichtathleten auf der Mittelstrecke aus: „Nein, ich konnte nie einen Salto; habe es auch nie bereut, das Element nicht zu können.“
Wer seinen Lebensweg einmal punktuell betrachtet, weil für mehr die Zeit und die Platzgründe in dieser Ausgabe fehlen, wird feststellen: Der Mann war ein Tausendsassa. 38 Jahre arbeitete er im Sportamt Stuttgart. Von 1987 bis 1999 sogar als sein Leiter. In dieser Zeit spult der gebürtige Stuttgarter zwischen 60 und 80 Stunden pro Woche ab. Alles immer im Zeichen der Vereine. Einen Unterschied zwischen Breiten- und Leistungssport machte der ehemalige Sportamtsleiter dabei nie. „Der Spitzensport wächst aus der Breite“, sagt er noch heute. Diese Nüchternheit und zugleich Präzision in seinen Visionen beeindrucken.
Starke Verbindungen zum STB
Wenig verwunderlich, dass sich auch beim Schwäbischen Turnerbund viele an ihn erinnern können. Auch STB-Geschäftsführer Matthias Ranke, der ihn sogar noch aktiv in Leitungsposition erleben durfte. Das war im Herbst 1999. Ranke ist damals noch Abteilungsleiter Basketball bei der Sportvereinigung Feuerbach und ist bei der Delegiertenversammlung der Großsportvereine in Stuttgart anwesend. Dort hält Aupperle seine Abschiedsrede. „Seine Worte wie auch sein Auftreten haben mich damals sehr beeindruckt“, erinnert sich der STB-Geschäftsführer. Im Mai des darauffolgenden Jahres wird Ranke dann Geschäftsführer der Sportvereinigung.
Herbert Aupperle kommt am 10. Dezember 1935 in Bad Cannstatt zur Welt. Kriegsbedingt erlebt er eine schwere Kindheit und Jugend. Er wechselt insgesamt fünfmal die Schule. Nach der Schule folgt ein Studium zum Diplomverwaltungswirt. Zwischen April 1955 und März 1956 arbeitet er als Verwaltungshilfe bei Bürgermeister Eiding auf dem Rathaus in Kemnat. In dieser Phase sitzt für ein halbes Jahr auch der spätere Oberbürgermeister Stuttgarts, Manfred Rommel, mit ihm im Zimmer – sein späterer, oberster Dienstherr. Im April 1958 startet Aupperle seinen Berufsweg beim Personalamt Stuttgart, drei Jahre später wechselt er ins Sportamt.
Stuttgarts Großprojekte mitbegleitet
Wer 38 Jahre im Sportamt Stuttgart 60 bis 80 Stunden pro Woche hinlegte, hat zweifellos auch eine Menge Sportgeschichte in der Landeshauptstadt Baden-Württembergs erlebt. Davon kann der heute 90-Jährige eine Menge berichten. Sowohl die Hanns-Martin-Schleyer-Halle als auch das Kunst-Turn-Forum sind in seiner Amtszeit geplant und gebaut worden. Bei ersterem Großprojekt sei die Lage wohl höchst brenzlig gewesen, wie der ehemalige Sportamtsleiter heute verrät: „Hätten wir zwei Wochen später mit dem Bau der Schleyer-Halle begonnen, hätten wir das Großprojekt aus Kostengründen nicht mehr umsetzen dürfen.“
Beim Kunst-Turn-Forum war es dagegen keine knappe Kiste: Im Zusammenspiel mit dem ehemaligen STB-Geschäftsführer Robert Baur und dem ehemaligen Sportamtsleiter wurde der Bundesstützpunkt Gerätturnen 1999 eröffnet. Für Aupperle eine der zentralen Bauwerke in seiner Amtszeit. Da liegt es naturgemäß nahe, dass er auch zu seinen schwäbischen Kollegen eine mehr als gute Beziehung pflegte.
„Ich hatte zu allen Fachverbänden ein sehr gutes Verhältnis“, blickt der 90-Jährige zurück und schiebt hinterher: „Zum STB und Robert Baur aber ein ganz besonders gutes.“ Das habe auch an dem breiten Sportangebot für Kinder und Senioren des Fachverbandes gelegen, erklärt der Stuttgarter. Er habe die Bedeutung für die Gesellschaft, aber auch für die Allgemeinheit früh erkannt und daraufhin immer versucht, dem STB und seiner Arbeit die entsprechende finanzielle Wertschätzung und den Handlungsspielraum zu ermöglichen. Rückblickend bezeichnet Aupperle dieses Geben und Nehmen als „beispielhaft für ganz Deutschland“.
Nur die Qualität zählt
Unter seiner Ägide hat sich die Stadt Stuttgart zu der Sportstadt entwickelt, wie sie heute mehr und mehr wahrgenommen wird. Das war aber nicht immer so. Zu den Anfängen von Aupperle im Jahr 1961 gibt es gerade einmal zwei Angestellte im Sportamt. Über die Jahre dreht der spätere Amtsleiter das Haus auf links. Die Behörde professionalisiert sich, bekommt personellen Zuwachs und entwickelt sich zum tatsächlichen Bindeglied für die Vereine zum Land.
Was ist sein Erfolgsrezept? Einen konkreten Grund nennt er nicht. Vielmehr habe er immer auf Qualität und Leistung gesetzt – Geschlecht oder andere Merkmale irrelevant. Unter anderem genau dieser Pragmatismus bringt ihm über die Jahre die große Popularität ein.
Woran sich heute aber kaum mehr jemand erinnert: Aupperles Leitungsposition stand 1987 zumindest in der Öffentlichkeit auf der Kippe. Damals bewirbt sich nämlich nicht nur der heute 90-Jährige um den Posten, sondern auch Claus Willing, seinerzeit Sportdirektor des Deutschen Schwimmverbands. Es kommt sogar zum „Eklat“, wie einige Gazetten titeln. Die Abstimmung um den Posten des Sportamtsleiters wird zum ersten Mal in der Geschichte öffentlich im Stuttgarter Rathaus abgehalten. Im Vorfeld zieht Claus Willing aber überraschend seine Kandidatur zurück, weil er den Eindruck hat, dass der Gemeinderat bereits seine Entscheidung zugunsten Aupperles getroffen hat. So setzt sich am Ende der gebürtige Stuttgarter mit 49 von 59 Stimmen durch. Der Rest ist Geschichte.
Passionierter Bergsteiger
Als Leichtathlet auf der Mittelstrecke über die 800 Meter ist Aupperle tief mit dem VfB Stuttgart verwachsen – mehr als 75 Jahre. Er ist dort in der Leichtathletikabteilung aktiv, arbeitet auch als Trainer. Beim VfB erhält er insgesamt 16 Ehrungen. Nach seiner Laufbahn als (aktiver) Leichtathlet beginnt Aupperle sein fast 50-jähriges Engagement bei der Sektion Schwaben des Deutschen Alpenvereins. Zeitweise ist er dessen zweiter und dritter Vorsitzender. 13 Jahre lang sogar Hüttenwart der Jamtalhütte in der Silvretta. Er entdeckt das Bergsteigen für sich. Besteigt rund 60 Viertausender; hinzu kommen weltweit einige „knapp Sechstausender“. Während seiner Trekkingtouren ist er unter anderem in Pakistan, China, Südamerika, Nepal und Afrika unterwegs.
Obwohl Aupperle heute keine Berge mehr erklimmt, achtet er, wo er nur kann, auf seine Gesundheit. Mit seinem Rollator „Porsche“ legte er selbst mit 89 noch regelmäßig einige Kilometer am Tag zurück. Am liebsten in der Natur. Seit einem knappen Jahr bremsen ihn Herzprobleme aus und haben ihn ins Haus auf die Waldau verschlagen. Selbst jetzt bleibt der ehemalige Sportamtsleiter unaufgeregt kämpferisch. Es muss auch an dieser pragmatisch-kraftvollen Einstellung liegen, dass er die Ärzte überrascht und sich von seinem bedrohlichen Herzleiden im Laufe des Jahres sehr gut erholt hat. Die Stadt Stuttgart und viele seiner Wegbegleiter werden aufatmen: Einer DER Sportpioniere der Stadt bleibt der Gesellschaft weiterhin erhalten.

