Saltos hat sich Andreas Forro auf dem Trampolin früher selbst beigebracht. Auf einer Kirchenfreizeit in Skandinavien. Genauer gesagt auf einem Campingplatz auf ebenerdigen Trampolinen; nicht aber wie in Deutschland aus einem dicken Material, sondern schon eher mit einem Tuch wie wir es auch vom Trampolinsport kennen. Forro möchte es damals seinen Freunden gleichtun: In Freibädern zelebrieren seine Freunde vom Sprungturm die verschiedensten Elemente ins Wasser. Der heute 49-Jährige nicht, weil er ohne Brille quasi „blind“ ist. Erst mit Kontaktlinsen ab der Volljährigkeit bessert sich seine Situation.
Mitunter durch diese Erfahrungen fühlt sich der gebürtige Denkendorfer „unsportlich gegenüber den anderen Kindern“. Sportlich verfolgt er deshalb fürs Erste keine weiteren Ziele. Heute bereut er es, nicht mehr ausprobiert zu haben.
Trotzdem versprüht Forro heute Bewegungsdrang ohne Ende. Als junger Erwachsener hat er das Laufen für sich entdeckt und dann sogar einen Halbmarathon bestritten. Wie es sich für einen richtigen Läufer gehört, hat er aber auch mit Lauf-Wehwehchen zu kämpfen. Seit seinem ausgeheilten Meniskusriss 2023 läuft er jedoch wieder regelmäßig. Daneben hat er eine Leidenschaft fürs Fahrradfahren, fürs Gravelbike, entwickelt. Heute ist er zudem gerne in der Natur, wandert viel und kräftigt bei Yoga-Workouts regelmäßig seine Körpermitte. Seine Sportlichkeit hat sich über die Jahre herauskristallisiert. Von einem zurückhaltenden Teenager zu einem bewegungsfreudigen Menschen.
Athleten in allen Lebenslagen betreuen
Dieser persönliche Werdegang hilft ihm, sich in andere Menschen hineinzufühlen, die sich in ihrem Leben in unterschiedlichen Herausforderungen befinden. An dieser Stelle greift Forro ein. Seit Jahresanfang ist der evangelische Diakon als Sportseelsorger am Olympiastützpunkt für junge Athletinnen und Athleten und ihre Familien da.
Zu seinen betreuten Sportarten gehören auch das Turnen und der Trampolinsport im Neckarpark. In letzterem ist er schon verstärkt aktiv geworden, nachdem sich im Frühjahr dieses Jahres bei einem Wettkampf in Ruit eine Athletin eine sehr schwere Beinverletzung zugezogen hat. Danach betreute er den Bundesstützpunkt Trampolinturnen eine Zeit lang intensiver, arbeitete mit den Beteiligten die Geschehnisse auf.
Begleiten und zuhören statt Diagnosen
Doch was unterscheidet den 49-jährigen in Stuttgart lebenden Sportseelsorger von einem (Sport-)Psychologen? In erster Linie sei die Psychologie schneller darin, Diagnosen zu stellen. Nach Ursachen für verschiedenste Probleme zu suchen. Der Stuttgarter aber „rückt den Menschen in den Mittelpunkt“ und stellt keine Diagnose. Er möchte dem Menschen Raum geben, sich selbst zu betrachten. Vor Augen führen, was den einzelnen Menschen ausmacht – über den Sport hinaus. Die Dinge nach vorne holen, die im Alltag hinten herunterfallen, weil die Person sich ihr ganzes Leben auf den Sport konzentriert. Dazu gehören manchmal auch herausfordernde Lebensfragen: Wer bin ich eigentlich ohne den Sport? Was passiert, wenn ich meinen Sport gerade nicht so ausüben kann, wie ich das möchte? Der Mensch soll lernen, sich Wert zu schätzen. Was er im Alltag alles bewerkstelligt – inklusive seines Sports.
Der Seelsorger stellt fest, dass gerade Menschen im Leistungssport oft nicht sehen, was sie alles leisten. Sie „dürfen es gefühlt auch nicht“. In der Gegenwart gehe es immer darum zu performen, Bestleistungen zu bringen. Die Errungenschaften dürfen erst nach der Karriere beäugt werden.
Bei Forros Arbeit ist das anders: Die Betroffenen sollen selbstständig entdecken, was da noch in ihrem Leben ist; was in ihnen steckt. Das bedeutet lösungs- und ressourcenorientiert zu arbeiten. Die Menschen lernen, ihre eigenen Kompetenzen zu erkennen. „Ich habe nicht die Lösung für meine Klienten, sondern helfen ihnen, Ideen zu entwickeln“, erläutert der 49-Jährige. Die Lösung finden die Leute in sich selbst, „in dem, was sie wahrnehmen über sich selbst“.
Klare Kommunikation gefragt
Auch der Schwäbische Turnerbund (STB) befindet sich aktuell in so einem Prozess, beschreibt Forro die Anfang des Jahres aufgekommenen Missbrauchsvorwürfe im Turnsport. Für den Stuttgarter ist die Situation gerade eine „sehr spannende“; zu sehen, wie der größte Fachverband Baden-Württembergs diese Themen bewerkstelligt. „Es geht um Strukturen und um Systeme, die sich nicht ad hoc aufbrechen lassen“, sagt Forro. Ähnlich wie es auch in der Kirche der Fall war und weiterhin ist.
Er nehme den STB als „sehr aktiv“ wahr, der um klare Kommunikation bemüht ist und Veränderungsbereitschaft ausstrahlt. Es müsse nun darum gehen, „Kommunikationsräume zu schaffen“. Missstände und Fehlverhalten müssen klar benannt werden, aber Schuldzuweisungen reichen nicht aus. Vielmehr müsse offen mit Konflikten umgegangen werden. Auf der anderen Seite vermisse er die Offenheit beziehungsweise Neutralität bei den Medien. Diese hätten immer wieder sehr einseitig über die Vorfälle im Gerätturnen berichtet. „Medien haben halt auch echt einen krassen Einfluss“ sagt Forro.
„Es braucht Menschen mit einem Grundverständnis“
Der 49-jährige Diakon ist zu 50 Prozent bei der evangelischen Kirche in Württemberg angestellt. Die Sportseelsorge ist ein Kooperationsprojekt des Landesarbeitskreises Kirche und Sport der evangelischen Kirche, dem LSV, dem Württembergischen Sportbund (WLSB), sowie dem Olympiastützpunkt in Stuttgart.
Daneben arbeitet er freiberuflich als systemischer Berater und Therapeut und betreut Menschen in den verschiedensten Lebenslagen. Etwa auch in Sachen ihrer sexuellen Orientierung. Auch 2025 ein nach wie vor großes Thema in unserer Gesellschaft. Unabhängig in welchem Bereich und unabhängig der sexuellen Orientierung.
„Es braucht Menschen, die diesen Raum öffnen und das Grundverständnis mitbringen“, erklärt der Seelsorger. Denn nach wie vor gäbe es viele Menschen, die nicht unterscheiden können zwischen Homosexualität, Transidentität, Bisexualität oder anderen Formen. Zwar wüssten die meisten schon, wo sie die sexuelle Orientierung einordnen müssen; aber was dahinter steckt eben nicht. Was macht diese Unsicherheit mit queeren Menschen? An dieser Stelle sei noch viel Basiswissen notwendig, erklärt der Experte.
Sich dieser Herausforderungen bewusst zu werden, ist die eine Sache, sagt Forro. Andererseits dürfen wir nicht argumentieren, dass die Zahl von betroffenen Personen nur sehr gering ausfällt. Beispielsweise liegt die statistische Zahl von queeren Personen bei rund zwölf Prozent. Bei einer Gruppengröße von 100 wären das zwölf Personen. In einer Gruppe von zehn bis 20 Sportlern ist also eine betroffene Person. Eine mögliche Dunkelziffer komplett außen vorgelassen. Diese eine Person genügt, um sich bewusst zu machen, dass das Thema uns alle angeht. „Wir müssen offen, sensibel und empathisch sein“, fordert der 49-Jährige.

