Kim Bui. Foto: Minkus

Kim Bui im Interview

"Ich hatte den vollen Fokus auf die Olympischen Spiele gesetzt, aber man muss diese Zeit jetzt auch als Chance sehen."

Kim Bui, zweimalige Olympiateilnehmerin und amtierende Deutsche Meisterin am Boden, spricht im Interview über die den Trainingseinstieg nach der Corona-Pause und ihrem Fokus auf die ins kommende Jahr verschobenen Olympischen Spiele. 

Wie sieht deine derzeitige Situation aus? Wie kannst du momentan trainieren und welche Hygienemaßnehmen müsst ihr einhalten?

Kim: "Aktuell können wir immer eine Einheit am Tag in der Halle trainieren, und nur in Gruppen mit fünf Personen. Also vier Athletinnen und ein Trainer*in in der Halle. So ein Trainingstag ist dennoch sehr intensiv. Wenn wir in der Halle sind, machen wir überwiegend Gerätetraining und müssen dann in der zweiten Einheit, die wir Zuhause machen, viel Ausdauer-, Mittelkörper- und Laufprogramme absolvieren.

Wir halten uns auch an die vorgegebenen Regeln mit 1,5 Metern Abstand und alles wird zwischendurch desinfiziert. Dadurch, dass wir nur so wenige sein dürfen, sind die Maßnahmen recht gut umsetzbar. Wir sind vier Mädels, da trainiert jede an einem Gerät und dann rotieren wir weiter. So handhaben wir das, seit wir wieder in der Halle gemeinsam trainieren dürfen - inhaltlich schauen wir, dass wir jetzt langsam unsere Trainingsprogramme wieder aufbauen. Wir haben momentan keine Ziele, in Form von Wettkämpfen, denn die Wettkämpfe der nächsten Monate wurden abgesagt oder noch nicht neu terminiert. Wir machen dadurch sehr viel Grundlagentraining, was all die Jahre vielleicht ein bisschen zu kurz gekommen ist, weil man einfach die Zeit dafür nicht hatte. Back to the Basics! Jetzt hat man Zeit und keinen Druck irgendetwas schnell, schnell, schnell machen zu müssen, sondern wir können wirklich bedacht an die Sachen rangehen. Das finde ich ziemlich gut, denn gute Grundlagen sind eine hervorragende Voraussetzung für alles weitere im Turnen."

Du hast einige Wochen nicht trainiert. Wie war es für dich jetzt wieder in die Halle und an die Geräte zu gehen? Wo gab es den größten Muskelkater?

Kim: "Es ist für mich die längste Zeit ohne Turngeräte gewesen. Es ist irgendwie anders, als wenn man verletzt ist. Selbst mit einer Verletzung geht man in die Halle und trainiert das, was soweit möglich ist. Wenn man verletzt ist, hat man dennoch einen engen Fokus, denn man möchte baldmöglichst wieder an die vorherigen Leistungen anknüpfen, weil möglicherweise der nächste Wettkampf ansteht. Und jetzt steht alles still, so eine Situation gab es noch nie. Wir waren alle gezwungen stillzuhalten. Aber ich fand es gut, dass wir kreativ werden konnten und viele alternative Sachen, wie Fitnessprogramme, machen konnten. Wir haben neben den zahlreichen alternativen Workouts, so gut es geht Turnübungen integriert. Man kann viele der Geräte imitieren zum Beispiel Balken auf dem Boden machen oder auf dem Teppich, aber das einzige, was man schwer imitieren konnte war der Stufenbarren. Vor allem der Hang, da habe ich tatsächlich Muskelkater in den Armen bekommen, denn die Kräfte und den Hang am Barren, die kann man schwer irgendwo üben, außer man hat eine Stange bei sich daheim befestigt, an der man sich tatsächlich einmal rumschwingen kann."

Alle großen Wettkampfziele wie Wettkämpfe etc. sind verschoben oder gestrichen. Mit welchem Ziel geht man jetzt ins Training oder auf was bereitet man sich vor?

Kim: "Die Zeit selbst war definitiv eine Challenge für den Kopf, weil es einem ziemlich surreal vorkam und man so eine Situation noch nicht hatte. Eigentlich habe ich es immer positiv gesehen, denn man kann seine Verletzungen, die man vielleicht hatte, auskurieren und an den Defiziten arbeiten. Das ist jetzt die beste Gelegenheit dazu. Natürlich ist das Ziel Olympische Spiele geblieben und das ist nach wie vor die Motivation jeden Tag ins Training zu gehen. Natürlich ist die Motivation nicht jeden Tag dieselbe, als wenn ich in zwei Monaten einen Wettkampf hätte, aber das braucht es auch in dieser Zeit nicht. Es ist in Ordnung so. Sich tatsächlich wieder bewegen und turnen zu können und zu dürfen ist eine gute Abwechslung neben meiner Masterarbeit, die ich noch nebenher fertig schreibe. Und wenn es dann wieder so weit ist mit den Turnwettkämpfen, dann wird die Motivation wieder unaufhaltsam sein."

Die Olympischen Spiele sind um ein Jahr verschoben worden. Wie stark war vor der Verschiebung dein Leben und dein Alltag von dem Ziel Olympia und dem Weg dorthin geprägt? Was hat sich mit der Verschiebung verändert?

Kim: "Ich habe natürlich den vollen Fokus auf die Olympischen Spiele gesetzt und alles darauf ausgerichtet. Mit der Verschiebung der Spiele hat sich auch mein Fokus verschoben. Ich hatte ein bisschen mehr Zeit für meine Masterarbeit, die ich unbedingt noch vor den Olympischen Spielen fertigbekommen wollte. Ich konnte dafür jetzt viel Zeit aufbringen, ohne so viel Druck und ohne eine große Doppelbelastung fahren zu müssen. Das ist auf jeden Fall etwas Positives für mich, dass ich da vorwärtskomme und fertig werde, denn dafür habe ich nächstes Jahr dann den Kopf komplett frei für Olympia. Natürlich war es am Anfang hart, wenn man auf die Olympischen Spiele ausrichtet und dann ist das einfach mal so schwupp weg. Aber nichtsdestotrotz das Ziel bleibt Ziel und ich sehe die positiven Dinge daran. Man muss diese Zeit jetzt auch als Chance sehen. Alle werden verändert aus dieser Situation heraus gehen und ich bin zuversichtlich, dass die Situation wieder gut wird."

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