Foto: DTB

Rainer Brechtken: Dienstleister für die Vereine

Am 15. August 1945 geboren, feierte STB-Ehrenpräsident Rainer Brechtken in diesem Jahr seinen 75. Geburtstag. Dabei kann der ehemalige STB-Präsident von 1994 bis 2012 auf eine lange und erfolgreiche Karriere zurückblicken.

Angefangen hat alles in der Stadtverwaltung Schorndorf, bevor er 1980 als Abgeordneter der SPD für 21 Jahre in den baden-württembergischen Landtag einzog. 1994 wurde er dann zum Präsident des STB gewählt. Erst als zweiter Präsident aus dem Schwabenland wurde er 2000 auch zum Präsidenten des Deutschen Turner-Bund (DTB) gewählt und hatte die Position 16 Jahre lang inne.

In seinen 18 Jahren beim STB konnte Brechtken einige Verdienste verzeichnen. So fand unter seiner Leitung die WM 2007 in Stuttgart statt, das Kunst-Turn-Forum wurde gebaut, Sportkongresse ins Leben gerufen und die Kinderturnstiftung Baden-Württemberg gemeinsam mit dem Badischen Turner-Bund und der Sparda-Bank Baden-Württemberg gegründet. Insgesamt brachte Brechtken den Sport in Deutschland durch diverse ehrenamtliche Tätigkeiten beim STB; DTB und DOSB nach vorne. Dabei galt für ihn jedoch immer das Credo, als Dienstleister für die Vereine da zu sein. Er hatte immer ein offenes Ohr für die Anliegen der Vereine und es war ihm kein Weg zu weit, um eine Rede beim Vereinsjubiläum zu halten.

Bis heute ist Rainer Brechtken, der sich selbst als „Maulturner“ bezeichnet, dem Ehrenamt treu geblieben. In seinem Heimatverein der SG Schorndorf ist er immer noch als stellvertretender Vorsitzender tätig.

Wir haben ihm zum Geburtstag gratuliert und nachgefragt, wie es ihm heute geht.

Rainer, seit acht Jahren bist du nicht mehr als Präsident des STB tätig. Wie geht es dir heute?

Mir geht es gut. Ich habe mittlerweile alle meine Ämter im STB und im DTB abgegeben und bin erleichtert, ich habe keine Verlustgefühle oder ähnliches. Aber ich finde mit 75 darf man das auch mal.

Was ist deine schönste Erinnerung an die Zeit als STB-Präsident?

Hier kann ich kein einzelnes Ereignis nennen, sondern eher die Tatsache, dass unsere strategischen Überlegungen aufgegangen sind. Als Präsident des STB und ab 2000 auch Präsident des DTB war es mein Ziel, den Spitzensport in Deutschland wieder nach vorne zu bringen. Der DTB war damals im Spitzensport nicht gut aufgestellt und nur noch mit einer olympischen Disziplin vertreten. Ganz im Gegensatz zum STB, der im Spitzensport sowie im Breitensport gut aufgestellt war. In Kooperation haben wir uns dann dazu entschieden, aktiv gegen diese Entwicklung zu steuern und gemeinsam eine Strategie entwickelt, wie wir den Spitzensport in Deutschland wieder voranbringen können. Dabei durfte natürlich auch ein Großereignis nicht fehlen und so holten wir 2007 die Turn-WM nach Stuttgart. Auf diesen Termin haben wir dann die gesamte Spitzensportentwicklung hin ausgerichtet und vollumfänglich durchgesetzt. Mit Erfolg, denn am Ende konnten wir uns zwei Medaillen sichern und waren anschließend auch wieder mit den Disziplinen Gerätturnen, Trampolin und Rhythmische Sportgymnastik für die Olympischen Spiele qualifiziert. Hieran sieht man, dass man mit einer abgestimmten Strategie zwischen Land, Bund, DTB und den Landesturnverbänden eine Entwicklung vorantreiben kann und ich glaube, daran erinnere ich mich am liebsten zurück.

Du engagierst dich weiterhin ehrenamtlich bei deinem Heimatverein der SG Schorndorf und als Funktionär bei der Deutschen Kinderturnstiftung. Was genau sind deine Aufgaben dort?

Das Ziel der Kinderturnstiftung ist allgemein Kinder mit Bewegung vertraut zu machen und allen Kindern in Deutschland eine gute Grundlagenausbildung zu bieten. Darauf weist auch der derzeitige STB-Präsident und mein Nachfolger Wolfgang Drexler mit Recht immer wieder hin. Momentan arbeiten wir in Kooperation mit der Aktion Mensch daran, Kindern mit einer Behinderung den Zugang zu Sportvereinen zu erleichtern und damit eine Inklusionsmöglichkeit zu schaffen. Diese beiden Ziele versuche ich voranzutreiben und umzusetzen.

Bei der SG Schorndorf arbeiten wir im Team. Jeder Vorsitzende hat seinen eigenen Bereich und ich kümmere mich hauptsächlich um sportpolitische Fragen, dass aber auch eher in zweiter Reihe.

Wie schaffst du es, über all die Jahre motiviert zu bleiben?

Hier gibt es zwei Punkt die entscheidend sind. Zum einen muss man von der Sache überzeugt sein, zum anderen muss die Zusammenarbeit im Team stimmen.

Als Fachfremder habe ich schnell gemerkt, dass der STB einzigartig im Sportsystem ist. Der Verband nimmt gesellschaftspolitische Fragen auf und kümmert sich nicht nur um rein sportliche Angelegenheiten. So werden beispielsweise auch Fragen rund um das Thema Gesundheit gestellt. Das fand ich sehr interessant und hat mir unglaublich viel Spaß gemacht.

Zudem muss man sagen, dass mein Team beim STB großartig war. Ein funktionierendes Team ist für jeden Ehrenamtlichen immens wichtig. Die Geschäftsstelle des STB unter der Leitung von Robert Baur stand mir tatkräftig zur Seite und es waren Leute, die Sachen angepackt und mitgetragen haben. Die Zusammenarbeit hat einfach Spaß gemacht, auch weil das Präsidium die strategischen Überlegungen gemacht hat und die Geschäftsführung in der Umsetzung frei arbeiten und eigene Wege gehen konnte.

Die letzten Monate waren von Corona geprägt und auch deine Geburtstagsfeier musste aufgrund von Corona abgesagt werden. Wie gehst du persönlich mit dieser Situation um?

Ich habe zwei Gefühle in meiner Brust, wenn es um dieses Thema geht. Das ist einerseits Vorsicht, bei der es mir nicht darum geht, sich irgendwo zu verkriechen, sondern verantwortlich mit der Situation umzugehen. D.h. Masken tragen, Abstand halten und Rücksicht nehmen. Andererseits ist es Wut, wenn ich sehe was in der Gesellschaft passiert. Hier werden Partys gefeiert, Urlauber kommen aus Hotspots zurück und gehen danach direkt wieder an den Arbeitsplatz, Leute demonstrieren gegen die Einschränkungen und der ganze Unsinn wird von den Medien aufgebauscht. Das finde ich unverantwortlich und rücksichtslos.

Wir müssen vernünftig mit der Situation umgehen, auch im Hinblick auf unsere Vereinslandschaft. Die Auswirkungen von Corona werden wir hier in den kommenden Jahren erst richtig merken, weil sie viel langfristiger sind und die Soforthilfe-Fonds von heute Morgen nicht mehr greifen. Beispielsweise die natürliche Fluktuation, die wir jedes Jahr haben, können wir in diesem Jahr nicht durch Neuanmeldungen wett machen. Das bekommen wir aber erst nächstes Jahr zu spüren. Auch die ganzen Ehrenamtlichen, die sich in der Corona-Krise ins Zeug gelegt haben, haben danach vielleicht keine Lust mehr. Also müssen wir irgendwie versuchen sie bei der Stange zu halten oder gegebenenfalls neue Leute akquirieren. Auch neue Arbeitsweisen müssen in Betracht gezogen werden. Wieso braucht jeder Verein eine eigene Personalverwaltung? Meiner Meinung nach müssen hier neue Wege der Zusammenarbeit und vielleicht auch der Fusion in Betracht gezogen werden, damit wir auch in Zukunft so ein breites Sportangebot bieten können, wie wir es momentan tun.

Welchen Einfluss hatte Corona insgesamt auf dein Leben?

Ich habe drei kleine Enkel, zu denen ich eine sehr gute Beziehung habe. Zu Corona-Hochzeiten haben wir den Kontakt auf null heruntergefahren. Und was völlig fehlt sind soziale Kontakte. Man trifft sich nicht zufällig auf einer Veranstaltung und kommt mit alten Bekannten ins Quatschen, das fällt alles einfach weg. Das fehlt mir schon sehr.

Was wünschst du dir für die Zukunft – für dich selbst, aber auch für die Turnvereine und die Turnbewegung?

Für mich selbst wünsche ich mir, dass ich weiterhin das Glück habe, gesund zu sein.

Für die Vereine wünsche ich mir, dass sie die Krise als Chance nutzen. Einerseits liegt das bei den Vereinen selbst, andererseits wünsche ich mir, dass die Politik begreift, welche wichtige Rolle Vereine für die Gesellschaft spielen und den Verein unterstützen, die Dinge aufzuholen, die in der Krise verloren gegangen sind.

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